Chloroquin


Chloroquin

Strukturformel
Struktur von Chloroquin
(R)-Form (oben) und (S)-Form (unten)
Allgemeines
Freiname Chloroquin
Andere Namen
  • (RS)-7-Chlor-4-(4-diethylamino-1- methylbutylamino)-chinolin
  • (±)-7-Chlor-4-(4-diethylamino-1- methylbutylamino)-chinolin
  • Latein: Chloroquinum
Summenformel C18H26ClN3
CAS-Nummer
  • 54-05-7 (freie Base)
  • 50-63-5 (Diphosphat)
PubChem 2719
ATC-Code

P01BA01

DrugBank DB00608
Kurzbeschreibung

weißes bis fast weißes, kristallines, hygroskopisches Pulver (Diphosphat)[1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Antiprotozoika

Verschreibungspflichtig: ja
Eigenschaften
Molare Masse 319,87 g·mol−1
Schmelzpunkt
  • 90 °C (freie Base)[2]
  • 193–195 °C (Diphosphat)[3]
  • 190–213 °C (Sulfat)[3]
Siedepunkt

214–221 °C (27 Pa, freie Base)[3]

pKs-Wert
  • 10,8 (pKb1, freie Base)[3]
  • 13,2 (pKb2, freie Base)[3]
Löslichkeit
  • fast unlöslich in Wasser (freie Base)[3]
  • gut löslich in Wasser: 50 g·l−1 (Disphosphat)[4]
  • sehr schwer löslich in Ethanol und Methanol (Diphosphat) [1]
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [5]
07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 302
P: keine P-Sätze [5]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [6][5]

Xn
Gesundheits-
schädlich
als Diphosphat
R- und S-Sätze R: 22
S: 22-24/25
LD50

330 mg·kg−1 (Ratte p.o.) [7]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Chloroquin ist eine chemische Verbindung, die nahe mit Chinin verwandt ist. Sie wird als Arzneistoff zur Therapie und Prophylaxe der Malaria tertiana & Malaria quartana (nicht aber der Malaria tropica → Chinin) eingesetzt. Darüber hinaus findet Chloroquin als Mittel bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen, wie dem Lupus erythematodes und der rheumatoiden Arthritis, sowie der Porphyria cutanea tarda Verwendung.

Eigenschaften

Chloroquin ist eine farblose bis gelbliche, geruchlose und nahezu wasserunlösliche Verbindung. Aufgrund der basischen Eigenschaften der Substanz löst sie sich gut in Säuren. Als Arzneistoff werden die wesentlich besser wasserlöslichen Salze Chloroquindiphosphat (50 g/l) und Chloroquinsulfat eingesetzt. Bei Kontakt mit Tageslicht und Luftsauerstoff zersetzt sich die freie Base; die Salze sind meist luftstabil.[3]

Wirkungsweise

Chloroquin hemmt die Kristallisierung von Hämozoin, einem Abbauprodukt des Häms. Hämozoin entsteht, wenn der Malariaerreger das Hämoglobin in infizierten roten Blutkörperchen abbaut, um daraus Proteine für seinen eigenen Stoffwechsel zu gewinnen. Kann das Hämozoin nicht mehr kristallisiert werden, führt dies zum Absterben des Parasiten.

Chloroquin besitzt eine blutschizontozide Wirkung, das heißt es führt zu einer Hemmung im späteren erythrozytären Stadium des Erregers. Chloroquin war einstmals das weltweit am häufigsten verwendete Medikament zur Therapie und Vorbeugung gegen Malaria, es ist jedoch heutzutage aufgrund resistenter Erreger zunehmend unwirksam.

Dosierung und Anwendung

Chloroquin kann zur Prophylaxe wöchentlich oder täglich eingenommen werden. Die biologische Halbwertszeit der Substanz steigt bei fortgesetzter Einnahme von anfänglich wenigen Tagen wegen erheblicher Kumulation im Gewebe deutlich an (auf bis zu 30–60 Tage [8][9]; nach anderen Quellen auf 40 bis 50 Tage[10] oder zwei bis drei Wochen[11]). - Tabletten zu 100 mg Chloroquinbase (Nivaquine®) nehmen Erwachsene eine Woche vor Reisebeginn bis vier Wochen nach Reiseende drei Tabletten einmal pro Woche oder eine Tablette täglich ein. Aufgrund häufiger Resistenzen wird Chloroquin in der Regel in Kombination mit anderen Wirkstoffen verwendet, zum Beispiel mit Proguanil. Chloroquin ist verschreibungspflichtig. Bei Chloroquin-Vergiftungen kann Diazepam i.v. als Antidot eingesetzt werden.[12][13]

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Chloroquin kann diverse Nebenwirkungen haben, darunter eine Trübung der Hornhaut und eine Veränderung der Netzhaut im Auge, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen, neuropsychiatrische Symptome und Hautrötungen. Besonders bei schweren Leber-Nierenschädigungen darf Chloroquin nicht genutzt werden. Die Kombination von Chloroquin zusammen mit leberschädigenden Arzneimitteln oder MAO-Hemmern (vgl. Monoaminooxidase-Hemmer) darf nicht erfolgen. Chloroquin darf nicht zur Anwendung kommen, falls Erkrankungen im Bereich des Auges und des blutbildenden Systems vorliegen. Besteht eine Überempfindlichkeit gegen Chinin oder Mefloquin, darf Chloroquin nicht zur Therapie eingesetzt werden.

Die wöchentliche Einnahme von Chloroquin ist für schwangere Frauen und stillende Mütter zwar erlaubt, sollte aber für eine Langzeitanwendung bei täglicher Einnahme (wie bei Therapie der rheumatoiden Arthritis) unterbleiben. Es besteht sonst die Gefahr von Augendefekten beim Ungeborenen bzw. beim Säugling. Chloroquin kann auch bei Kindern angewendet werden, die Langzeitbehandlung sollte allerdings nicht erfolgen.

Eine Überdosierung führt zu Pigmentstörungen, die Haare bleichen lässt. [14]

Nach einer Studie aus 2008 wird Chloroquin auch mit der Induzierung einer Antibiotikumsresistenz (gegen Fluorchinolone) in Verbindung gebracht.

Geschichte

Chloroquin wurde 1934 durch Hans Andersag bei der I.G. Farbenindustrie in Elberfeld synthetisiert. Dieses Resochin® genannte Mittel hatte jedoch zuerst keine Bedeutung, da die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zur Malariaprophylaxe das nah verwandte, zur gleichen Zeit erfundene Sontochin einsetzte. Proben von Sontochin wurden bei deutschen Kriegsgefangenen in Nordafrika gefunden und in den USA analysiert. Dort wurden auch analoge Substanzen untersucht, dabei zeigte sich die überlegene Wirkung und Verträglichkeit von Chloroquin im Vergleich zu eingeführten Mitteln wie Atebrin, dem unter dem Namen Quinacrine dominierenden Malariamittel der Alliierten im Pazifikkrieg.[15] Nach dem Zweiten Weltkrieg war Chloroquin lange Zeit ein hochwirksames Mittel; in der Zwischenzeit haben viele Malariaparasiten eine Resistenz gegen den Arzneistoff entwickelt.

Weitere Nutzungen

Chloroquin wird auch in der Zellkultur bei Transfektionen eingesetzt, um die Effizienz der Transfektion zu erhöhen. Es hemmt die lysosomalen DNasen, indem es den pH-Wert innerhalb der Vesikel neutralisiert.

Chloroquin wird ebenfalls für die Therapie der Rheumatoiden Arthritis eingesetzt.

Schwere Verläufe von Porphyria cutanea tarda werden mit niedrig dosiertem Chloroquin bzw. Hydroxychloroquin (beispielsweise 200 mg zweimal wöchentlich) behandelt.[16]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1  Europäische Arzneibuch-Kommission (Hrsg.): EUROPÄISCHE PHARMAKOPÖE 5. AUSGABE. 5.0–5.8, 2006.
  2. David R. Lide: CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage, 2009, Taylor & Francis, ISBN 978-1-4200-9084-0, S. 3-114.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 Beate Blümer-Schwinum, Hermann Hager, Franz von Bruchhausen, E. Nürnberg, Peter Surmann: Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Band 7: Stoffe A–D. 5. Auflage, Birkhäuser, 1995, ISBN 978-3-540-52688-9, S. 884–891.
  4. Datenblatt Chloroquin bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 9. Februar 2010.
  5. 5,0 5,1 5,2 Datenblatt Chloroquine diphosphate salt bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 22. März 2011.
  6. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Zubereitungen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  7. Chloroquin bei ChemIDplus.
  8. http://www.lymenet.de/literatur/hydroxychloroquine.htm
  9. http://www.tropenmedicus.de/pdf/FI-Resochin.pdf
  10. http://orthopaedie-unfallchirurgie.universimed.com/artikel/entz%C3%BCndliche-gelenks-und-wirbels%C3%A4ulenerkrankungen-perioperative
  11. http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/knobloch-andreas-2005-08-02/PDF/Knobloch.pdf
  12. Antidottarium der Roten Liste.
  13. Chloroquin bei Toxinfo.org, Toxikologische Abteilung der II. Medizinischen Klinik der Technischen Universität München.
  14. Nezile Mthembu: ScienceShot: Anti-Malaria Drug Bleaches Hair. Science, 21. Juli 2010.
  15. W. Sneader: Drug Discovery. A History. Wiley 2005 ISBN 0-471-89980-1.
  16. Cainelli T et al.(1983): Hydroxychloroquine versus phlebotomy in the treatment of porphyria cutanea tarda. Br J Dermatol. 108(5), 593–600, PMID 6849826.

Handelsnamen

Monopräparate

Chlorochin (CH), Nivaquine (CH), Resochin (D, A), Weimer quin (D)

Weblinks

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