Boscalid

Strukturformel
Struktur von Boscalid
Allgemeines
Name Boscalid
Andere Namen
  • Nicobifen
  • BAS 510
  • 2-Chlor-N-(4'-chlorobiphenyl-2-yl)nicotinamid (IUPAC)
Summenformel C18H12Cl2N2O
CAS-Nummer 188425-85-6
Kurzbeschreibung

weißer kristalliner oder pulveriger[1] Feststoff

Eigenschaften
Molare Masse 343,21 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Dichte

1,394 g·cm−3[1]

Schmelzpunkt

142,8–143,8 °C [1]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
09 – Umweltgefährlich
H- und P-Sätze H: 411
P: 391 [3]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [4][3]
Umweltgefährlich
Umwelt-
gefährlich
(N)
R- und S-Sätze R: 51/53
S: 35-57
LD50

> 2000 mg·kg−1 (Ratte, oral)[3]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Boscalid ist ein Fungizid aus der Gruppe der Carbonsäureamide. Es wurde von BASF entwickelt und kam 2003 auf den Markt. In reiner Form bildet es farb- und geruchlose Kristalle.[1]

Verwendung

Boscalid wird vielseitig eingesetzt. Es wird im Ackerbau für Getreide (z.B. Winterraps, Weizen), im Gemüsebau (z.B. Bohnen, Karotten, Kartoffeln, Salat, Tomaten), im Weinbau und im Obstbau (z.B. Erdbeeren, Erdnüsse, Stein-Früchte) verwendet.[5][1][2][6]

Sicherheit

Bei der Verwendung sind nach dem kalifornischen Department of Pesticide Regulation eine persönliche Schutzausrüstung zu tragen sowie andere schützende Maßnahmen zu ergreifen, um einen Kontakt des Pestizids mit Personen auszuschließen.[7]

Toxikologie

Boscalid hat eine niedrige Giftwirkung bei Einnahme, Einatmen oder Aufnahme über die Haut. In Fütterungsstudien an Ratten, Mäusen und Hunden wurden zuerst Abnahmen des Körpergewichtes sowie Irrationen an der Leber und der Schilddrüse festgestellt.[8]

Toxikologische Daten[2]:

  • ADI 0,04 mg/kg bw
  • AOEL 0,1 mg/kg bw/d
  • Acute RfD nicht erforderlich

Kanzerogenität

Eine Kanzerogenität wird von der US-amerikanischen Umweltbehörde (EPA) zwar eingeräumt, allerdings wird das krebserregende Potenzial für den Menschen als ungefährlich eingestuft.[1]

Lebensmittelbelastung

Lebensmittelbelastungen mit bis zu 59 % der erlaubten Tagesdosis (ADI) an Boscalid wurden auf handelsüblichem Gemüse (Rucola und Kopfsalat) von Greenpeace nachgewiesen.[9] In Fisch wird Boscalid nach der EPA nicht nennenswert angereichert.[1]

Umweltbelastung

Boscalid ist eine langlebige Verbindung und wird häufig[5] und in vielen Anwendungsbereichen eingesetzt. Dennoch erwartet die EPA wegen der geringen Mobilität von Boscalid im Erdboden nur geringe Umweltbelastungen. Es kann aber durch Verwehung während des Ausbringens und durch Bodenerosion in Grund- und Oberflächengewässer gelangen. Wegen der saisonalen Anwendung erwartete die EPA nur relativ geringe Belastungen in Gewässern. Wird Boscalid im Rahmen der vorgeschriebenen Grenzen und nur für die beantragten Zwecke eingesetzt, ist Boscalid nach der EPA nur gering riskant für die Umwelt.[1]

Eine deutliche Belastung in Oberflächengewässern wurde in Rheinland-Pfalz nachgewiesen. In einem zwischen 2008 und 2009 durchgeführten Messprogramm eines rheinland-pfälschen Landesamtes ist Bocalid das am häufigsten nachgewiesene Fungizid. Es wurde in 12 von 24 untersuchten Fließgewässern in jeder Probe nachgewiesen. Mit fünf gemessenen Jahresmitteln über > 0,1 μg/l ist es nach Dimethomorph auf Platz zwei der untersuchten Pestizide.[5] In Mecklenburg-Vorpommern ist Boscalid in einem Sondermessprogramm gegenüber anderen Pestiziden nicht auffällig häufig nachgewiesen worden.[6]

Handel

Es gibt im Handel verschiedene Produkte mit dem Wirkstoff Boscalid. BASF bietet auch Produkte an, in denen Boscalid mit anderen Pestiziden kombiniert vorliegt.[10][5]

Kritik

Auf der von Greenpeace herausgegebenen ersten und zweiten Schwarzliste der Pestizide ist Boscalid gelistet. Ausschlaggebend für die Nominierung war nicht das Erreichen eines bestimmten Ausschusskriteriums, sondern die große Summe seiner vielen kritischen Eigenschaften. Mit 75,39 Punkten im Jahr 2008 und 85,93 Punkten im Jahr 2011 lag Boscalid auf Platz 6 bzw. 8 der zugelassenen Pestiziden mit den höchsten Wirkungspunkten. Als kritische Eigenschaften werden die vorhandene Kanzerogenität und die niedrige erlaubte Tagesdosis sowie die hohe Umweltstabilität aufgeführt.[11][12]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 United States Environmental Protection Agency (Hrsg.): Pesticide Fact Sheet Boscalid, July 2006, zuletzt gesichtet am 11. Dezember 2011.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Hrsg.): Boscalid (Nicofibren), Wirkstoff-Nr 1023-1, zuletzt gesichtet am 26. November 2011.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 BASF: Cantus 9
  4. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Zubereitungen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht (Hrsg.): PSM-wirkstoffe in Oberflächengewässern, Ergebnisse und Bewertungen der Messprogramme 2008/2009, zuletzt gesichtet am 11. Dezember 2011.
  6. 6,0 6,1 Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): Sonderbericht über Pflanzenschutz- und Arzneimittelbefunde in Oberflächengewässern und im Grundwasser Mecklenburg-Vorpommerns im Frühjahr 2008, zuletzt gesichtet am 11. Dezember 2011.
  7. California Department of Pesticide Regulation Public Report 2003-8 Boscalid, zuletzt gesichtet am 11. Dezember 2011
  8. Boscalid in der Hazardous Substances Data Bank, abgerufen am 11. Dezember 2011.
  9. Greenpeace (Hrsg.): Pestizide in Kopfsalat und Rucola, Februar 2010
  10. National Pesticide Information Retrieval System, zuletzt gesichtet am 11. Dezember 2011.
  11. Greenpeace (Hrsg.): Die Schwarze Liste der Pestizide
  12. Greenpeace (Hrsg.): Die Schwarze Liste der Pestizide II, 4. Februar 2010, zuletzt gesichtet am 11. Dezember 2011.

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