Schweres Wasser


Schweres Wasser

Strukturformel
Strukturformel
Allgemeines
Name Schweres Wasser
Andere Namen

Deuteriumoxid

Summenformel D2O (2H2O)
CAS-Nummer 7789-20-0
PubChem 24602
Kurzbeschreibung

farblose Flüssigkeit[1]

Eigenschaften
Molare Masse 20,0286 g·mol−1
Aggregatzustand

flüssig

Dichte

1,107 g·cm−3[1]

Schmelzpunkt

3,8 °C[1]

Siedepunkt

101,4 °C[1]

Brechungsindex

1,328 (20 °C)[1]

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung
Piktogramm unbekannt
H- und P-Sätze H: ?
EUH: ?
P: ?
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen. Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C
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Schweres Wasser (Deuteriumoxid) ist chemisch gesehen Wasser mit der Summenformel D2O. Von „normalem“ Wasser mit H2O unterscheidet es sich dadurch, dass die „normalen“ Wasserstoffatome des Protiums (Symbol H) durch schwere Wasserstoffatome des Isotops Deuterium (Symbol D) ersetzt wurden. Wasserstoff H hat nur ein Proton im Atomkern, Deuterium hingegen ein Proton und ein Neutron. Dementsprechend sind Molekülmasse und Dichte Schweren Wassers höher als die gewöhnlichen Wassers.

Halbschweres Wasser (Hydrodeuteriumoxid) mit der Summenformel HDO enthält hingegen ein normales und ein schweres Wasserstoffatom. Es kommt in der Natur viel häufiger vor als Schweres Wasser. Auf der Erde findet sich etwa ein Deuteriumatom auf etwa 7000 Wasserstoffatome (in Schnee bzw. Regenwasser 1:9000, in Seewasser mit hohem Salzgehalt 1:5500).

Überschweres Wasser (Tritiumoxid) enthält Tritium (Symbol T) anstelle von normalem Wasserstoff.

Gewinnung

Schweres Wasser wird durch Anreicherung aus herkömmlichem Wasser gewonnen, in dem es in geringer Menge vorkommt. Wird Wasser elektrolysiert, bleibt das Schwere Wasser eher unzersetzt zurück (kinetischer Isotopeneffekt), während leichtes Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird.

Ein energetisch effizienteres Verfahren verläuft über die Destillation von Ammoniak oder Schwefelwasserstoff. Ausgangsmaterial sind bevorzugt Abwässer aus Galvanikbetrieben und der Herstellung von Wasserstoff durch Elektrolyse, da diese durch die bevorzugte Elektrolyse von leichtem Wasser schon signifikant mit HDO angereichert sind.

Eigenschaften

Schweres Wasser ist weniger reaktionsfähig als normales Wasser und hat eine niedrigere Lösefähigkeit. Die Ursache ist die höhere Kernmasse des Deuteriums. Dadurch haben die Molekülschwingungen eine niedrigere Frequenz, und die Nullpunktenergien dieser Schwingungen liegen niedriger als bei leichtem Wasser. Bei einer Streckschwingung macht der Effekt etwa 125 meV oder 5 kBT bei Raumtemperatur aus. Als Folge davon erfordert die Dissoziation von Wasser, die für viele biochemische Reaktionen Voraussetzung ist, mehr Energie, und kann stark verlangsamt sein. Neben der Dissoziation wird auch die Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen, wie sie ebenfalls in biochemischen Systemen von essentieller Bedeutung sind, beeinflusst. Auf Grund des „dynamischen Isotopeneffektes“ ist in der Flüssigkeit die translatorische und rotatorische Beweglichkeit der schweren Wassermoleküle etwas geringer als die der leichten Wassermoleküle[2]. Bei 25 °C ist z. B. der Selbstdiffusionskoeffizient des Schweren Wassers um 23 % niedriger als der des leichten Wassers.

Durch diese unterschiedlichen Eigenschaften wirkt Schweres Wasser auf die meisten Organismen leicht giftig. Experimente mit Mäusen zeigten, dass die Zellteilung (Mitose) unterdrückt wird. Dadurch wird Gewebe, das schnell erneuert werden muss (z. B. Magenwand), bei fortgesetzter Einnahme von Schwerem Wasser in Mitleidenschaft gezogen. Diese Effekte wurden sichtbar, als die Mäuse etwa 50 % ihres Wassers durch Schweres Wasser ersetzt hatten. Aggressive Krebserkrankungen sollten zwar auch gebremst werden; der Nutzen einer Therapie mit Schwerem Wasser würde aber die Nebenwirkungen wahrscheinlich nicht aufwiegen.

Normales Wasser (H2O) Schweres Wasser (D2O) Überschweres Wasser (T2O)
Molmasse (g/mol) 18,015 20,0286 22,031
Schmelzpunkt-Temperatur 0 °C 3,82 °C 4,49 °C
Siedepunkt (bei Normaldruck) 100 °C 101,42 °C 101,51 °C
Maximale Dichte 0,999975 g/cm3 1,10589 g/cm3 1,21502 g/cm3
Maximale Dichte bei 3,98 °C 11,21 °C 13,4 °C
pKw-Wert bei 25 °C 14,000  14,869  15,216 
Neutralpunkt pH 7,00 pH 7,43 pH 7,61

Verwendung

Schweres Wasser wird in einigen Kernkraftwerken (in Schwerwasserreaktoren wie zum Beispiel Reaktoren des Typs Candu) als Moderator eingesetzt, da es im Vergleich zu gewöhnlichem Wasser bei ähnlicher Moderationswirkung erheblich weniger Neutronen absorbiert. Dadurch kann bei der Brennstoffherstellung auf die für Leichtwasserreaktoren notwendige Anreicherung des Urans verzichtet werden.

Schweres Wasser wird in der NMR-Spektroskopie für die Messung von wasserlöslichen Verbindungen verwendet, insbesondere von Proteinen und Nukleinsäuren für Messungen zur NMR-Strukturaufklärung. In der IR–Spektroskopie von Proteinen wird ebenfalls meist Schweres Wasser benutzt, da dessen Absorptionsbande nur schwach mit der von Proteinen überlappt und dadurch das Proteinsignal vom Wassersignal deutlich besser getrennt werden kann.

Weiterhin wird Schweres Wasser zur gezielten chemischen Synthese selektiv deuterierter Verbindungen verwendet.

Da niedere Organismen auch in reinem Schwerem Wasser überleben können, gelingt es, aus solchen Organismen hochkomplexe Naturstoffe zu isolieren, bei denen alle Wasserstoffatome durch Deuterium ersetzt sind.

Kampf um Schweres Wasser im Zweiten Weltkrieg

„Schweres Wasser“ von Norsk Hydro

In den Kriegsjahren 1942 bis 1945 wurde das südnorwegische Rjukan in der Provinz Telemark Schauplatz einer brisanten Auseinandersetzung. Dort befand sich seit 1934 im Chemie- und Wasserkraftwerk Vemork die einzige europäische Fabrik (Norsk Hydro), die durch ihren immensen Energieüberschuss Schweres Wasser in nennenswerten Mengen herstellen konnte. Durch einen geschickten Schachzug kamen die Franzosen den Deutschen zuvor und sicherten sich zunächst die gesamten Lagerbestände von über 160 kg, die nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich von Hans von Halban auf Umwegen über England in die USA gebracht wurden.

Ende der 1930er Jahre hatten Otto Hahn, Fritz Straßmann und Lise Meitner das Prinzip der nuklearen Kettenreaktion entdeckt, woraus sich nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein Wettlauf mit den Alliierten um die Kontrolle über die Fabrik entwickelte. Für das deutsche Uranprojekt war dabei die Verwendung von Schwerem Wasser als Moderator eines Versuchsreaktors vorgesehen, mit dem unter anderem waffenfähiges Plutonium hätte hergestellt werden können.

Somit richtete sich das Augenmerk der Alliierten auf die Anlage in Rjukan, deren Ausschaltung die deutsche Nuklearforschung auf einen Schlag neutralisieren konnte: Nach mehreren Rückschlägen wurde am 27. Februar 1943 von zwölf norwegischen Widerstandskämpfern (unterstützt durch das Special-Operations-Executive), die sich auf der Hochebene von Hardangervidda versteckt gehalten hatten, die Sprengung an der Hochkonzentrieranlage für Schweres Wasser der Norsk Hydro Werke durchgeführt. Bereits wenige Wochen später war der entstandene Schaden jedoch behoben, und die deutschen Besatzer ließen die Produktion verstärkt wieder anlaufen. Der englische Spielfilm Kennwort „Schweres Wasser“ (The Heroes of Telemark, 1965) sowie die norwegisch-französische Koproduktion Der Kampf um das Schwere Wasser (Kampen om tungtvannet, 1948) handeln von diesen Begebenheiten.

Es folgten mehrere alliierte Bombenangriffe auf das Kraftwerk und die wiederaufgebaute Anlage, bis sich die deutschen Besatzer entschlossen, die Fabrik aufzugeben und 50 Fässer bereits produzierten Schweren Wassers mitzunehmen. Die Konzentration des Deuteriumoxids schwankte zwischen 1 % und 99 %, sie wurde durch eine zweistellige Nummer auf den Fässern gekennzeichnet, die für Außenstehende keinen Rückschluss auf die Konzentration zuließ.

Die Eisenbahnfähre der Rjukanbanen namens Hydro, beladen mit Schwerem Wasser, wurde am 20. Februar 1944 durch einen Sprengsatz im Maschinenraum sabotiert. Die Fähre sank binnen weniger Sekunden auf dem 460 m tiefen Tinnsjø (deutsch „See bei Tinn“). Fässer mit stark konzentriertem Inhalt, die nur teilweise befüllt waren, trieben nach dem Untergang an der Wasseroberfläche. Sie wurden von den Deutschen geborgen und drei Wochen nach der Versenkung nach Deutschland versandt und später im Forschungsreaktor Haigerloch verwendet. Beim Untergang der Fähre kamen vier deutsche Soldaten und 14 Zivilisten ums Leben.

Der Unterwasserarchäologe Brett Phaneuf erhielt von der norwegischen Regierung mit einem norwegisch-amerikanischen Forscherteam 60 Jahre nach Untergang der Hydro die Genehmigung zu einer Tauchfahrt und Bergung eines der über 50 auf den Grund des Tinnsjøs in 430 Meter Tiefe gesunkenen Fässer; jedoch mit der Auflage, exakt nur ein Fass zu heben, da das Wrack offiziell als Kriegsgrab gilt.

Das sehr gut erhaltene Fass Nr. 26 ließ sich nach der Bergung mühelos öffnen, da der Dichtungsgummiring des Spundlochs nach über 60 Jahren noch intakt war. Bei Untersuchungen an Bord sowie später in London, wurde ein Anreicherungsgrad von 1,1 Prozent ±0,2 ermittelt. Laut geheimer Ladeliste von 1944 enthielt dieses Fass ein Destillat von 1,64 % Schwerem Wasser.[3]

Israel

Großbritannien hat 1958 nach Recherchen der BBC 20 Tonnen Schweres Wasser für das im Aufbau befindliche Nuklearprogramm Israels geliefert. Die Entscheidung über die Lieferung erfolgte ohne Anweisung des Außenministeriums oder der britischen Atombehörde. Das Schwere Wasser wurde den Angaben zufolge für die Produktion von Plutonium im streng abgeschirmten Kraftwerk Dimona in der Negev-Wüste verwendet.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Datenblatt Deuterium oxide bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 23. Juni 2011.
  2. Edme H. Hardy, Astrid Zygar, Manfred D. Zeidler, Manfred Holz, Frank D. Sacher: Isotope effect on the translational and rotational motion in liquid water and ammonia. In: J. Chem Phys. 114, 2001 , pp. 3174–3181
  3. Das ZDF strahlte am 24. Juli 2005 die Bergung im Rahmen einer Dokumentation (englischer Originaltext) aus.