Opipramol

Opipramol

Strukturformel
Struktur von Opipramol
Allgemeines
Freiname Opipramol
Andere Namen

4-[3-(5H-Dibenz[d,f]-azepin-5-yl)- propyl]-1-piperazinethanol (IUPAC)

Summenformel C23H29N3O
CAS-Nummer
PubChem 9417
ATC-Code

N06AA05

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Anxiolytikum, Trizyklisches Antidepressivum

Verschreibungspflichtig: Ja
Eigenschaften
Molare Masse 363,50 g·mol−1
Schmelzpunkt
  • 100–101 °C (Opipramol)[1]
  • 210 °C oder 228−230 °C (Opipramol·Dihydrochlorid)[2]
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich

Achtung

H- und P-Sätze H: 302-410
P: 273-​501 [3]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [4][3]

Xn
Gesundheits-
schädlich

N
Umwelt-
gefährlich
R- und S-Sätze R: 22-50/53
S: 60-61
LD50
  • 1110 mg·kg−1 (Ratte p.o.)[5]
  • 32 mg·kg−1 (Ratte i.v.),[5]
  • 400 mg·kg−1 (Maus p.o.)[5]
  • 45 mg·kg−1 (Maus i.v.)[5]
  • 900 mg·kg−1 (Ratte p.o., Dihydrochlorid)[5]
  • 32 mg·kg−1 (Ratte i.v., Dihydrochlorid)[5]
  • 443 mg·kg−1 (Maus p.o., Dihydrochlorid)[5]
  • 45 mg·kg−1 (Maus i.v., Dihydrochlorid)[5]
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Opipramol ist ein beruhigend, stimmungshebend sowie angst- und spannungslösend wirkender Arzneistoff. Er wird zur Gruppe der trizyklischen Antidepressiva gezählt, unterscheidet sich jedoch von deren üblicher Wirkungsweise (siehe Abschnitt Pharmakologie).

Opipramol ist eines der am häufigsten verordneten Psychopharmaka in Deutschland (Stand 2011). Es wirkt beruhigend, stimmungshebend sowie angst- und spannungslösend. Der beruhigende Effekt tritt vor Einsetzen des stimmungshebenden ein.

Chemisch gehört Opipramol zur Klasse der Dibenzazepine und wird arzneilich in Form des Opipramoldihydrochlorids verwendet.

Indikationen

Opipramol wird eingesetzt bei Verstimmungszuständen einhergehend mit Angst, Unruhe, Spannung, Schlafstörungen und Depressivität.[6]

Die Schlafqualität soll durch Opipramol nicht negativ beeinflusst werden.[7]

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen können unter anderem sein: Müdigkeit,Schwindel, gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit, sexuelle Funktionsstörungen wie z. B. Potenzstörungen. In hoher Dosierung können eventuell die Nebenwirkungen von Neuroleptika eintreten, also extrapyramidale (motorische) Störungen. Zumeist treten die Nebenwirkungen aber nur in der Anfangszeit (erste Tage bis Wochen) der Einnahme auf und sind nur schwach ausgeprägt.

Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit

Es liegen keine ausreichenden Fallzahlen für eine fundierte Risikobewertung vor. Opipramol soll während der Schwangerschaft nur bei zwingender Indikation verordnet werden. Opripramol soll in der Stillzeit nicht angewendet werden, da der Wirkstoff in geringen Mengen in die Muttermilch übertritt.[8]

Absetzsyndrom

Opipramol gilt als nicht abhängig machend, zumindest besteht kein bekanntes vom Wirkstoff selbst ausgehendes Abhängigkeitspotenzial. Die beruhigende Wirkung von Opipramol kann jedoch beim Absetzen ins Gegenteil umkehren und eventuell noch bestehende Störungen wieder demaskieren, so dass der Wirkstoff – wie alle Psychopharmaka – kontrolliert und langsam abgesetzt werden sollte.

Pharmakologie

Opipramol hat im Gegensatz zu den meisten übrigen Vertretern dieser Gruppe keine hemmende Wirkung auf die Rückaufnahme von biogenen Aminen (z. B. Serotonin, Noradrenalin). Des Weiteren weist Opipramol eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Antiepileptikum Carbamazepin auf, Opipramol hat jedoch keine antiepileptischen Wirkungen. Die Wirkung vieler Psychopharmaka, so auch Opipramol, ist noch nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht. So ist auch unklar, warum die Wirkung strukturverwandter Substanzen stark variieren kann.

Deshalb wird die vor circa 40 Jahren in der Schweiz entwickelte Substanz heute primär als „stimmungsaufhellendes Anxiolytikum“ bezeichnet. Seine Wirkungsweise ist – wie bei fast allen Psychopharmaka – noch nicht vollständig geklärt. Nachgewiesen sind jedoch die folgenden Wirkmechanismen:[9]

  • Aktiviert als Ligand/Agonist primär den σ1-Rezeptor und hat auch eine niedrige Affinität zum σ2-Rezeptor.[10] Diese Eigenschaft wird sowohl für antidepressive als auch anxiolytische Wirkungen von Opipramol verantwortlich gemacht.[11]
  • Es blockiert mit geringer Affinität auch den Dopamin-Rezeptor D2. Diese Rezeptorblockade ist eine typische Eigenschaft der sog. Neuroleptika, welche u. a. bei Psychosen und Schizophrenie verwendet werden. Diese multiple Wirkung im ZNS erklärt die Mittelstellung von Opipramol zwischen klassischen Antidepressiva (klassische ADs wirken auf das serotonerge-, noradrenerge- und seltener dopaminerge System durch Rückaufnahmehemmung der Neurotransmitter am (prä-)synaptischen Spalt oder durch Modulation der Neurotransmitter-Rezeptoren am Neuron) und Neuroleptika. Der Dopamin D2-Rezeptor wird in Zusammenhang gebracht mit Angst, Wahnvorstellungen, paranoiden Symptomen, unsinnigen Handlungen und Zwangshandlungen sowie pathologischen Bewusstseinszuständen, wie sie bei Psychosen auftreten können.
  • Außerdem werden auch Histamin-H1-Rezeptoren blockiert, allerdings mit wesentlich geringerer Affinität. Dies hat eine leicht sedierende Wirkung zur Folge. Antihistaminika der älteren Generation, welche vor allem gegen Allergien eingesetzt wurden und heute durch neuere Antihistaminika ersetzt wurden, hatten die Sedierung und Beruhigung als unerwünschte Nebenwirkung. Heute sind noch einige alte Antihistaminika als Schlafmittel verkäuflich (z. B. Diphenhydramin)
  • Eine sehr gering ausgeprägte anticholinerge Wirkung, die in erster Linie für die Nebenwirkungen verantwortlich zu machen ist (wie z. B. Mundtrockenheit)

Der anxiolytische (Angst lösende, entspannende, beruhigende) Effekt ist wahrscheinlich auf die Summe der oben genannten Wirkmechanismen zurückzuführen.

Bei Beginn der Einnahme von Opipramol-Präparaten setzt zunächst rasch eine beruhigende Wirkung ein, erst nach etwa ein bis zwei Wochen wird dieser Effekt durch eine stimmungsaufhellende Wirkkomponente ergänzt. Die sedierende Wirkung kann schon bei erster Einnahme eintreten.

Die Halbwertszeit von Opipramol im menschlichen Körper ist individuell verschieden und beträgt zwischen 6 und 11 Stunden; bei dauerhafter Einnahme verlängert sich die Halbwertszeit nicht.[12][13]

Obwohl Opipramol schon seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt wird, ist seine genaue Wirkungsweise noch größtenteils unbekannt und Gegenstand der Forschung.

Einzelnachweise

  1. Thieme Chemistry (Hrsg.): RÖMPP Online - Version 3.1. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart 2008.
  2. The Merck Index: An Encyclopedia of Chemicals, Drugs, and Biologicals. 14. Auflage (Merck & Co., Inc.), Whitehouse Station, NJ, USA, 2006; S. 1181, ISBN 978-0-911910-00-1.
  3. 3,0 3,1 3,2 Datenblatt Opipramol dihydrochloride bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 16. April 2011.
  4. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Zubereitungen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 5,7 A. Kleemann, J. Engel, B. Kutscher, D. Reichert: Pharmaceutical Substances - Synthesis, Patents, Applications, 4. Auflage (2000), Thieme-Verlag Stuttgart, ISBN 978-1-58890-031-9.
  6. Fachinformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz: Insidon; Stand: Mai 2000.
  7. Pressegespräch „Opipramol (Insidon): Ein Klassiker mit innovativem Profil“, 18. Juli 2005, Pharmakologisches Institut, Biozentrum der Universität Frankfurt.
  8. Schäfer, Spielmann, Vetter: Arzneiverordnung in Schwangerschaft und Stillzeit. Springer 7. Auflage 2006, ISBN 3-437-21332-6.
  9. Müller, W.E. u. a. (2004): Neuropharmacology of the anxiolytic drug opipramol, a sigma site ligand. In: Pharmacopsychiatry. Bd. 37, S. 189–197. PMID 15547785.
  10. Möller HJ, Volz HP, Reimann IW, Stoll KD: Opipramol for the treatment of generalized anxiety disorder: a placebo-controlled trial including an alprazolam-treated group. In: Journal of Clinical Psychopharmacology. 21, Nr. 1, Februar 2001, S. 59–65. PMID 11199949.
  11. Müller WE, Siebert B, Holoubek G, Gentsch C: Neuropharmacology of the anxiolytic drug opipramol, a sigma site ligand. In: Pharmacopsychiatry. 37 Suppl 3, November 2004, S. S189–97. doi:10.1055/s-2004-832677. PMID 15547785.
  12. Fachinformation (SPC) von Holsten Pharma zu Opipramol
  13. Fachinformation (SPC) von Novartis Pharma zu Opipramol

Fertigarzneimittel

Insidon® und Generika

Weblinks

Commons: Opipramol – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference

Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!