Teerfarbenwerk Oehler

Das Teerfarbenwerk Oehler war ein von den Chemikern Dr. Ernst Sell und Karl Gottlieb Reinhard Oehler im Jahre 1842 in Offenbach am Main gegründeter chemischer Betrieb zur Farbendestillation aus dem Rohstoff Teer. Das Farbenwerk war der erste selbstständige Hersteller von Asphaltprodukten in Deutschland und wurde 1905 von der Firma Chemische Fabrik Griesheim-Elektron übernommen.

Ernst Sell und Karl Gottlieb Reinhard Oehler waren in ihrer Studienzeit Schüler des Chemikers und Professors Justus von Liebig in Gießen. Die Studienkollegen gründeten 1842 am Mainufer zwischen Offenbach und dem heutigen Stadtteil Bürgel eine chemische Fabrik zur Teerfarbendestillation. Oehler übernahm 1850 den Betrieb vollständig und konzentrierte die Produktion fortan auf die Herstellung von Farben auf der Basis von Anilin. Ab 1860 wurden Fuchsin und verschiedene synthetische Blautöne hergestellt und die Firma expandierte kontinuierlich am Standort Offenbach. Nach dem Tod von Karl Gottlieb Reinhard Oehler im Jahr 1876 übernahmen zwei seiner Söhne, Karl Oehler (1836-1909) und Dr. Eduard Oehler die Leitung des Familienbetriebes Anilinfabrik K. Oehler. 1878, nach Unstimmigkeiten der Brüder über die Firmenleitung, wurde Karl Oehler ausgezahlt und Eugen Oehler wurde alleiniger Firmeneigentümer. 1905 verkaufte Eugen Oehler die Firma an das Frankfurter Unternehmen Griesheim-Elektron. Zum Zeitpunkt des Verkaufs erzielte das Unternehmen einen Jahresumsatz von 7,5 Millionen Reichsmark.

Griesheim-Elektron erweiterte das Werk in Offenbach, entwickelte und produzierte dort ab 1912 den unlöslichen Farbstoff Naphtol AS. 1925 gehörte Griesheim-Elektron zu den Gründungsmitgliedern der I.G. Farbenindustrie AG.

Im Rahmen der Entflechtung der IG Farben wurde der Standort Offenbach als "Werk Naphtolchemie" den Farbwerken Hoechst zugeschlagen. Seit Mitte der 60er Jahre erhielt das Werk mit der Produktion von Polyestergrundstoffen ein neues Standbein. Unter anderem wurde hier Polyethylenterephthalat (PET) hergestellt, das zu Textilfasern unter dem Markennamen Trevira, zu Polyesterfolien (Hostaphan) und Getränkeflaschen weiterverarbeitet wurde. 1981 errichtete die Cassella AG in Frankfurt-Fechenheim eine gemeinsame Kläranlage zur Reinigung der Abwässer der Cassella AG und des Werkes Offenbach. Die beiden Werke liegen etwa drei Kilometer voneinander entfernt auf verschiedenen Seiten des Mains. Für die Abwasserleitung aus Offenbach wurde der Arthur-von-Weinberg-Steg als Mainüberquerung gebaut.

1997 verkaufte Hoechst den Geschäftsbereich Spezialchemikalien, zu dem auch das Werk Offenbach und der Cassella-Standort in Fechenheim gehörten, an die Clariant. 1998 fusionierten die Werke Offenbach und Cassella der Clariant zum Werk Cassella-Offenbach. Im Zuge der Werkfusion wurden Infrastrukturbereiche der Werke zusammengelegt. Die Werkschule und der Bereich Analytik wurden am Standort Cassella zusammengefasst.

2001 verkaufte Clariant das Werk Cassella-Offenbach, mit Ausnahme zweier Forschungsabteilungen, an eine Gruppe ehemaliger Hoechst-Manager, die den Betrieb unter dem Namen AllessaChemie GmbH weiterführen. Bis Mitte 2009 wurde der Standort Offenbach von den Firmen Invista Resins & Fibres – Nachfolgegesellschaft der Hoechst Trevira – sowie von Allessa und IWO Pellets Rhein-Main genutzt. Die Infrastruktur wurde hierbei von Allessa zur Verfügung gestellt.

Am 5. Februar 2009 gab Invista Resins & Fibres bekannt, die Produktion am Standort Offenbach aufzugeben und sich bis Ende 2009 komplett aus Offenbach zurückzuziehen.[1]. Mitte 2010 legte auch Allessa den letzten Produktionsbetrieb still. Seitdem wird das 32 Hektar große Gelände zu einem gemischten Gewerbe-, Wohn- und Naherholungsgebiet umgestaltet.[2]

Das ehemalige Chemiewerk Offenbach ist Teil der Route der Industriekultur Rhein-Main.

Quellenangaben

  1. F.A.Z. vom 5. Februar 2009
  2. Allessa Industriepark – Chemiestandort im Umbruch, Frankfurter Rundschau vom 12. Juni 2010

Website


50.1294722222228.7630555555556Koordinaten:

50° 7′ 46″ N, 8° 45′ 47″ O

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