Spasmolytikum

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Ein Spasmolytikum (auch Antispasmodikum) ist ein krampflösendes Arzneimittel. Es senkt den Spannungszustand der glatten Muskulatur oder löst deren Verkrampfung (spasmolytisch).

Anwendungsgebiet dieser Pharmaka sind Spasmen (Krämpfe) der glatten Muskulatur des Magen-Darm-Trakts, der Gallen- und Harnwege, der Bronchien und der Gefäße.

Man unterscheidet zwischen neurotropen und myotropen Spasmolytika.

Neurotrope Spasmolytika

Neurotrope Spasmolytika wirken durch Rezeptorblockade des Parasympathikus (Parasympatholytikum) oder durch Rezeptoraktivierung des Sympathikus (Sympathomimetikum).

Parasympatholytika

Die Wirkung dieser Stoffgruppe beruht auf der kompetitiven Hemmung der Acetylcholin-Wirkung an muscarinischen Rezeptoren. Die Stoffe haben selbst keine intrinsische Wirkung, d. h. bei Organen mit geringem cholinergen Tonus ist ihre Wirkung ebenfalls gering. Deshalb haben sie im Gegensatz zu Parasympathomimetika keine Wirkung an den Gefäßen.

Prototyp dieser Gruppe ist das Atropin bzw. das Hyoscyamin. Letzteres ist ein Alkaloid aus der Tollkirsche und dem Bilsenkraut, das schon seit Tausenden von Jahren als Rauschmittel gebraucht wird. Medizinische Anwendung finden sowohl die natürlichen Alkaloide Hyoscyamin und Scopolamin, als auch Atropin, Drofenin und die quartären Derivate Butylscopolamin und Ipratropium.

Pharmakokinetik

Die nicht quartären Stoffe werden gut aus dem Magen-Darm-Trakt und über andere Schleimhäute resorbiert und passieren leicht die Blut-Hirn-Schranke. Für die quartären Derivate gilt das Gegenteil. Eliminationshalbwertszeiten:

Wirkstoff Eliminations-

halbwertszeit

Atropin 3h
Scopolamin 2-3h
Butylscopolamin 5h
Ipratropium 2-4h

Anwendung

  • Asthma bronchiale: Beseitigung der vagalen komponente von Spasmen der Bronchialmuskulatur. Ipratropium verursacht durch Inhalation weniger Nebenwirkungen, weil die Rezeptorblockade an anderen Organen geringer ist. Die Wirkung ist allerdings häufig zu schwach, sodass es in der Regel mit einem β2-Agonisten kombiniert wird.
  • Spasmen im Magen-Darm-Kanal, der Gallengänge und der Harnwege ("Koliken"): In der Regel werden quartäre Derivate verwendet.

Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen ergeben sich aus den anticholinergen Effekten durch Rezeptorblockade am

  • Herzen: Tachykardie, u. U. Angina-pectoris-Anfälle
  • Magen-Darm-Trakt: verzögerte Darmentleerung, Darmatonie
  • Auge: Akkommodationsstörungen, Lichtempfindlichkeit
  • Speicheldrüsen: Mundtrockenheit, Schluckbeschwerden
  • ZNS: Müdigkeit oder Unruhe, Halluzinationen (vorwiegend bei Überdosierung)

Handelspräparate und Dosierung

Wirkstoff Handelsname Einzeldosis  
Hyoscyamin Dysurgal 0,5mg 0,25-1mg  
Scopolamin Scopoderm TTS   Transdermales Pflaster zur Bekämpfung der Reisekrankheit
Butylscopolamin Buscopan 10-20mg  
Ipratropium Atrovent N Dosier-Aerosol 40-80µg zur Inhalation

Sympathomimetika

Sympathomimetika aktivieren Adrenorezeptoren und ahmen damit eine sympathische Wirkung nach. Man unterscheidet zwei Adrenorezeptoren, α- und β-Rezeptoren ( mit weiterer Unterteilung in α1-, α2-, β1-, β2-, β3-Rezeptoren). Diese Rezeptoren haben zum Teil entgegengesetzte Wirkungen. So führt die Aktivierung von α-Rezeptoren im Bronchialsystem zur Kontraktion der glatten Muskulatur, während β-Rezeptoren eine Relaxation bewirken. Als Spasmolytika kommen also nur Stoffe in Frage, die eine selektive Wirkung auf β- ( in der Regel β2-) rezeptoren haben. Therapeutisch werden meist Salbutamol, Fenoterol, Terbutalin und Clenbuterol verwendet.

Pharmakokinetik

Bronchospasmolytika können zur Erzielung eines schnelleren Wirkungseintritts (wenige Minuten) inhaliert werden. Dabei gelangen 10-30 % des Inhalats in die tiefen Bronchien. Der Rest wird sukzessive verschluckt und über den Magen-Darm Trakt aufgenommen. Die orale Bioverfügbarkeit schwankt je nach Präparat zwischen 10 % und 100 %.

Wirkstoff Halbwertszeit
Salbutamol ca. 6h
Fenoterol ca. 3h
Terbutalin 3-4h
Clenbuterol biphasisch

1h / 34h

Anwendung

  • Asthma bronchiale: sowohl als Aerosol zur Inhalation als auch in Tablettenform.
  • Uterus: Zur Wehenhemmung unter der Geburt (Notfalltokolyse) und bei vorzeitigen Wehen im Verlauf der Schwangerschaft.

Nebenwirkungen

  • Muskulatur: feinschlägiger Tremor
  • ZNS: Unruhegefühl
  • Herz/Kreislauf: Tachykardie, Blutdrucksteigerung oder -senkung
  • Atemwege: paradoxer Bronchospasmus

Handelpräparate

Wirkstoff Handelsname Anwendung Darreichung
Salbutamol Sultanol Bronchospasmolyse Inhalat
  Paediamol Bronchospasmolyse Inhalat
  Volumac Bronchospasmolyse Tabl.
Fenoterol Berotec, Berodual (Kombinationspräparat) Bronchospasmolyse Inhalat
  Partusisten Tokolyse Infusion/Tabl.
Terbutalin Acrodur Bronchospasmolyse Inhalat
  Contimit Bronchospasmolyse Tabl.
Clenbuterol Spasmo-Mucosolvan Bronchospasmolyse Tabl./Saft/Tropfen

Myotrope Spasmolytika

Zu dieser Stoffgruppe zählen eine Reihe anderer spasmolytischer Substanzen, die nicht über Neurotransmitterrezeptoren wirken.

Organische Nitrate

Der Wirkungsmechanismus dieser Stoffe ist auf die freisetzung von NO in der glatten Muskulatur der Gefäße zurückzuführen (NO-Donatoren). Es erfolgt eine Bindung an die lösliche Isoform der Guanylatcyclase, die GTP in den second messenger cGMP umwandelt. Unter Vermittlung der cGMP-abhängigen Proteinkinase (PKG) kommt es dann zur Gefäßrelaxation. Anwendungsgebiet der Nitrovasodilatoren ist die koronare Herzkrankheit. Es wird verwendet zur Anfallskupierung oder Anfallsprophylaxe bei Angina-pectoris. Abhängig von der Pharmakokinetik und der pharmazeutischen Zubereitung schwankt der Wirkungseintritt zwischen 20 Sekunden und einer Stunde, die Wirkungsdauer von 30 Minuten bis zu 16 Stunden.

Therapeutische Anwendung als NO-Donatoren finden Glycerintrinitrat (Nitrogycerin), Isosorbid-2,5-dinitrat (ISDN) und Isosorbid-endo-5-mononitrat (ISMN). Die hohe Lipophilie von Nitrogycerin und ISDN erlauben eine sublinguale Verabreichung, durch die ein schneller Wirkungseintritt erfolgt. Zur Verlängerung der Wirkungsdauer werden Retard-Tabletten und Depot-Pflaster eingesetzt.

Calciumkanalblocker

Angriffspunkt dieser gefäßerweiternden Stoffe sind die Calciumkanäle vom L-Typ. Diese spannungsabhängigen Ionenkanäle sind in der glatten Gefäßmuskulatur und dem Herzmuskel für den Ca2+-Einstrom verantwortlich, der die Kontraktion triggert. Zu den Calciumkanalblockern gehören drei unterschiedliche Stoffgruppen:

Die unterschiedlichen Substanzen haben einen unterschiedlichen molekularen Angriffspunkt an den Calciumkanälen. Anwendungsgebiet ist die Angina pectoris und die arterielle Hypertonie. Während die Dihydropyridine kaum direkte Wirkungen auf die Herzzellen haben, ist die vaskuläre und kardiale Wirkung bei dem Phenylalkylamin und den Benzothiazepinen nicht zu trennen.

Kaliumkanalöffner

Dies Stoffgruppe bewirkt eine Erhöhung der Öffnungswahrscheinlichkeit von Kaliumkanälen. Dadurch kommt es zu einer Absenkung des Ruhemembranpatentials (Hyperpolarisation) in deren Folge der Calciumeinstrom vermindert wird. Ausgeprägt ist diese Wirkung an der glatten Muskulatur arterieller Blutgefäße, so dass diese Stoffe als Vasodilatoren eingesetzt werden.

Klinisch werden als Kaliumkanalöffner Diazoxid, Minoxidil und Pinacidil verwendet. Anwendungsgebiet ist die Behandlung der Hypertonie. Diazoxid wird wegen seiner Wirkung auf β-Zellen des Pankreas zur Behandlung von Hypoglykämie eingesetzt. Pinacidil findet in Deutschland keine Verwendung.

Hydralazin und Dihydralazin

Der vasodilatorische Wirkungsmechanismus ist noch nicht genau bekannt. Der Wirkstoff wird als Kombinationspartner von antihypertensiven Dreierkombinationen eingesetzt (Hydralazin + β-Blocker + Diuretikum).

Literatur

  • Forth, Henschler (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Spektrum, ISBN 3-8274-0088-0
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie, Thieme, ISBN 3-13-368515-5
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