Mutterkorn


Mutterkorn

Roggenähre mit Mutterkorn
Roggen mit Mutterkorn verunreinigt

Das Mutterkorn (auch Purpurroter Hahnenpilz, Ergot, Krähenkorn, Hahnensporn, Hungerkorn, Tollkorn oder Roter Keulenkopf) ist eine längliche, kornähnliche Dauerform (Sklerotium) des Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea). Wegen der Toxizität der im Mutterkorn enthaltenen Alkaloide für Mensch und Vieh von Bedeutung ist der Befall von Nahrungs- und Futtergetreide, darunter der wegen seiner offenen Bestäubung und seines Anbaus in Regionen, die für den Mutterkornpilz günstig sind, besonders häufig befallene Roggen, aber auch Weizen, Gerste, Hafer, Dinkel sowie das als Viehfutter genutzte Triticale. Gräser insgesamt sind befallgefährdet.[1]

Botanische Illustration der Mutterkorn-Ähre

Die Bezeichnung Mutterkorn fußt auf der früheren Verwendung in der Geburtshilfe und als Abtreibungsmittel (Wirkung auf die Gebärmutter), da die Inhaltsstoffe Wehen auslösen. Im 17. Jahrhundert wurde die Droge in die Praxis von Heilern oder Badern eingeführt.

Zusammensetzung

Mutterkorn enthält Kohlenhydrate, Öle, Mineralstoffe, Aminosäuren, Farbstoffe und toxische Alkaloide, die Mutterkornalkaloide (bis zu 1 % der Masse des Korns). Mutterkornalkaloide gehören zu den Indolalkaloiden, und ihr Grundbaustein ist das Ergolin. Daraus leiten sich zwei Hauptgruppen ab: Clavinalkaloide und Lysergsäurederivate. Bisher sind etwa 80 Mutterkornalkaloide (auch Ergotalkaloide) bekannt[2].

Fortpflanzung

Wie die reifen Getreidekörner fallen die Mutterkörner auf den Boden, wo sie eine Winterruhe durchmachen. Erst im Frühjahr wird sichtbar, dass es sich bei ihnen keinesfalls um pflanzliche Gebilde, sondern um von Pilzen hervorgebrachte Körner (Sklerotien) handelt. Aus einem einzigen Sklerotium wachsen dann unmittelbar über dem Erdboden mehrere gestielte Köpfchen mit zahlreichen Perithecien (Fruchtkörper) hervor. Jedes bildet zahlreiche schlauchförmige Zellen, sogenannten Asci (Sing. Ascus) im Inneren. Zum Zeitpunkt der Gräser- und Getreideblüte werden die Ascosporen freigesetzt und mit dem Wind verbreitet. Auf den Narben unbefruchteter Blüten dringen die Keimhyphen in die Fruchtknoten ein (Primärinfektion).

Das sich entwickelnde Myzel löst das Gewebe auf (verhindert so die Samenentwicklung im Ährchen), und bildet zuerst Konidien aus, wobei ein zuckerhaltiger Saft ausgeschieden wird: "Honigtau" (Nebenfruchtform); später reift meist ein neues Sklerotium heran.

Sekundärinfektion: Konidien, asexuell gebildete Pilzsporen (ungeschlechtlich), werden vom Wind und Insekten weiter verbreitet und befallen andere, offen blühende Ähren. Die Bedeutung der Insekten bei der Sekundärinfektion ist recht hoch [3] [4].

Wirkungen

Der Mutterkornpilz produziert giftige Alkaloide (Mutterkornalkaloide, zum Beispiel Ergotamin), die zu der Krankheit Ergotismus (Antoniusfeuer, Mutterkornbrand) führen können, mit Symptomen wie Darmkrämpfen, Halluzinationen und Absterben von Fingern und Zehen aufgrund von Durchblutungsstörungen. 5 bis 10 Gramm frisches Mutterkorn können bei einem Erwachsenen zu Atemlähmungen und Kreislaufversagen führen und tödlich sein. Der Name weist auf die Beziehung zur Gebärmutter (Mutterkorn) hin, denn die Inhaltsstoffe (insbesondere Ergometrin) regen die Wehen an. Aus diesem Grund wurde der Pilz auch für Schwangerschaftabbrüche[5] verwendet und sogar gezielt im großen Stil angebaut. Die Alkaloide können aber auch medizinisch eingesetzt werden, beispielsweise zum Blutstillen nach der Geburt, gegen orthostatische Hypotonie (niedriger Blutdruck und Schwindel nach dem Aufstehen) oder Migräne. Aus dem Pilz kann Lysergsäure gewonnen werden, aus der die Droge LSD hergestellt werden kann. Nach Hofmann und Wasson (1978 The Road to Eleusis) war es allerdings schon 2000 Jahre vor Christus bekannt, dass nur die natürlich vorhandenen psychoaktiven Lysergsäurealkaloide wasserlöslich waren, und damit wurden berauschende Getränke gebraut, die die unerwünschten Effekte der anderen Alkaloide umgehen.

Die Wirkungsweisen der Mutterkorn-Alkaloide im Stoffwechsel von Mensch und Tier sind hochkomplex. Die Vereinigung Getreide-, Markt- und Ernährungsforschung unterteilt die Kontaminationen (bei Getreide in Gewichts-%, bei Mehl in µg Gesamtalkaloide/kg) in folgende Sicherheitsniveaus:[6]

  • No-toxic-effect-level: Für den Menschen werden bis zu 0,1 mg/kg Körpergewicht als zuträgliche tägliche Maximaldosis genannt. Das entspricht (bei 25 bis 75 kg Körpergewicht): 0,5 bis 1,5 % Mutterkorn im Getreide, beziehungsweise 10 000 bis 30 000 µg Gesamtalkaloid/kg Mehl.
Dem gegenüber betrachtet das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits Gesamtmutterkornalkaloidmengen von deutlich unter 10.000 µg/kg Mehl als geeignet, Gesundheitsschäden zu verursachen.[7]
  • No-problem-level: 0,1 % beziehungsweise 2 000 µg/kg. Dieser Wert wird in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend übereinstimmend angegeben und ist so auch als Grenzwert in der Futtermittel-Verordnung festgelegt.
  • No-intervention-level (Orientierungs- beziehungsweise Eingriffswert, aber nicht: Höchstwert): In der EU-Verordnung für den Ankauf von Interventionsgetreide wird als Qualitätskriterium ein Wert von maximal 0,05 % beziehungsweise 1 000 µg/kg genannt.

Vorbeugung/Beseitigung

In der Landwirtschaft kann einem Mutterkornbefall vorgebeugt werden durch:

  • Beimischung von Populationsroggen zu Hybrid-Roggen (5 bis 10 %)
  • Anbau von Sorten mit einer besonders hohen Pollenausschüttung
  • Mähen der Feldränder vor der Gräserblüte [8]

Mutterkornbefall tritt vor allem dann auf, wenn zur Blütezeit feuchte Witterung herrscht und daher die Pollen zur Befruchtung des Getreides dieses schlecht erreichen können.

Da der Verzehr von ungereinigtem, rohem Getreide die größten Risiken birgt, wird dringend empfohlen, nur zuverlässig gereinigtes Getreide zu verzehren. Durch die Reinigung werden die Sklerotien (Dauerorgane des Pilzes = Mutterkörner) aus dem Erntegut entfernt. Zum Risiko am Beispiel von Roggenmehl hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Jahr 2004 eine Analyse veröffentlicht.[9]

Mutterkorn kann in der Mühle nach Form, Größe und spezifischem Gewicht z. B. durch Siebe, Aspiration, Trieure und Tischausleser entfernt werden. Neuerdings ist die Entfernung durch Farbausleser möglich. Letztere ist die zuverlässigste Methode, besonders wenn das Mutterkorn nicht größer ist als die Getreidekörner oder in Bruchstücken vorhanden ist. Sie ist jedoch mit hohen Investitionskosten für die Farbauslesegeräte verbunden. Daher besitzen in der Regel nur große Mühlen eine solche Ausstattung. Zusammen mit dem Mutterkorn wird im Reinigungsabgang inbegriffen auch gutes Korn ausgeschieden, bei modernen Farbsortierern befindet sich im Abgang etwa gleich viel Mutterkorn wie gutes Getreide, bei Tischauslesern etwas mehr gutes Korn als Mutterkorn.

Geschichte

Erst im Jahre 1853 beschrieb der französische Mykologe Louis René Tulasne den kompletten Zyklus des Pilzes Claviceps purpurea.[10] Der Chemiker Albert Hofmann stellte während seiner Forschungsarbeiten zum Mutterkorn erstmals 1938 LSD her, mit der Zielsetzung, ein Kreislaufstimulans zu entwickeln. R. Gordon Wasson führte 1978 zusammen mit Albert Hofmann und Carl. A. P. Ruck die Eleusinischen Mysterien auf die Verwendung von psychoaktiven Mutterkornalkaloiden zurück. (R. G. Wasson, A. Hofmann und C. A. P. Ruck, The Road to Eleusis)

Im 19. Jahrhundert gehörten Mutterkorn-Massenvergiftungen größtenteils der Vergangenheit an, doch gab es vereinzelt auch noch im 20. Jahrhundert Fälle von Vergiftungen. In den Jahren 1926 und 1927 kam es in der Sowjetunion zu Massenvergiftungen – offiziell gab es über 11.000 Tote durch mutterkornhaltiges Brot. Der letzte, allerdings umstrittene Vergiftungsvorfall, soll [11] 1951 in Pont-Saint-Esprit (Frankreich) aufgetreten sein, mit 200 Erkrankten und 7 Toten.

Seitdem stellt Mutterkorn in Europa keine Gefahr mehr für die Gesundheit der Menschen dar, wenn kein unzureichend gereinigtes Getreide verzehrt wird. Allerdings stellen die Untersuchungsämter der Bundesländer auch bei Stichproben bisweilen gesundheitsschädliche Alkaloidgehalte in Getreideprodukten fest, z. B. das CVUA Sigmaringen im Jahresbericht 2009, S. 139.[12] oder der Landesbetrieb Hessisches Landeslabor im Jahresbericht 2004, S. 39 und 137 [13] und in den Jahresberichten 2006 bis 2009 jeweils unter "Getreide".[14]

Da heute zunehmend ungemahlenes Getreide konsumiert wird, das direkt vom Landwirt kommt, kann es z. B. bei ungereinigtem Roggen aus Direktverkäufen zu Vergiftungen kommen. In Deutschland konnte 1985 eine Vergiftung auf mutterkornhaltiges Müsli zurückgeführt werden.[15]

Einzelnachweise

  1. TN601 Ergot Cereals SAC Technical Note TN601, ISSN 0142 7695, ISBN 1-85482-885-1, July 2007 - Oxley, S., Lewis, M., Stewart, S.: Ergot disease in Cereals. Abgerufen am 20. Oktober 2011.
  2. Thieme Chemistry (Hrsg.): Eintrag zu Ergot-Alkaloide im Römpp Online. Version 3.29. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2012, abgerufen am 26. Mai 2012.
  3. Butler MD, Alderman SC et al, 2001: Association of insects and ergot (Claviceps purpurea) in Kentucky bluegrass seed production fields
  4. MIELKE, H., 1993: Untersuchungen zur Bekämpfung des Mutterkorns. - Nachrichtenbl. Deut. Pflanzenschutzd./Braunschweig 45, 5/6, 97-102.
  5. Homepage des Museum für Verhütung & Schwangerschaftsabbruch
  6. Mutterkorn im Roggen?, Infothek der Vereinigung Getreide-, Markt- und Ernährungsforschung (GMF), abgerufen am 3. Oktober 2008.
  7. Mutterkornalkaloide in Roggenmehl Stellungnahme des BfR vom 22. Januar 2004. Abgerufen am 7. November 2011.
  8. Infodienst Landwirtschaft BW.
  9. Mutterkornalkaloide in Roggenmehl Stellungnahme des BfR vom 22. Januar 2004, abgerufen am 7. November 2011.
  10. Tulasne, L.-R. Mémoire sur l'ergot des glumacés Ann. Sci. Nat. (Partie Botanique), 20 5-56 (1853).
  11. Bouchet R.-L. Phytoma Défense des cultures num 323 Dezember 1980.
  12. CVUA Sigmaringen, Jahresbericht 2009 Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Sigmaringen: Lebensmittelüberwachung und Umweltschutz - Jahresbericht 2009, veröffentlicht am 25. Oktober 2010. Abgerufen am 6. November 2011
  13. Jahresbericht SUAH 2004. Abgerufen am 7. November 2011.
  14. Download-Seite der LHL-Jahresberichte, abgerufen am 7. November 2011.
  15. Pfänder, H., K. Seiler und A. Ziegler (1985): Morgendliche Müsli-Mahlzeit als Ursache einer chronischen Vergiftung mit Secale-Alkaloiden. Deutsch. Ärztebl. 27: S. 2013-2016.

Literatur

  • Andrea Sinz: Die Bedeutung der Mutterkorn-Alkaloide als Arzneistoffe. Pharmazie in unserer Zeit 37(4), S. 306 - 309 (2008), ISSN 0048-3664
  • Marlies Buchholz: Anna selbdritt. Eine wirkungsmächtige Heilige. Königstein/Ts. 2005, S. 71-84. ISBN 3-7845-2113-4
  • Piero Camporesi: Bread of Dreams. Food and Fantasy in Early Modern Europe. Chicago Universitätsverlag, 1989; ISBN 0-226-09258-5
  • Linda Caporael: „Ergotism: Satan Loosed in Salem?“, Science 192 (1976), 21-26.
  • John Grant Fuller: The Day of St Anthony’s Fire, New York 1968. deutsch: Apokalypse 51, Bergisch Gladbach 1969
  • Kay Peter Jankrift: Krankheit und Heilkunst im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2003. ISBN 3-534-07659-1
  • Kay Peter Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2005, ISBN 3-8062-1950-8
  • Mary Allerton Kilbourne Matossian: Poisons of the Past: Molds, Epidemics & History. Yale Universität, 1989. ISBN 0-300-03949-2
  • Erich Mühle und Klaus Breuel: Das Mutterkorn – ein Gräserparasit als Gift- und Heilpflanze. A. Ziemsen, Wittenberg Lutherstadt, 1977, 2003; ISBN 3-89432-576-3
  • Peter Schmersahl: Mutterkorn: Halluzinogen und Auslöser von Vergiftungen In: Deutsche Apotheker Zeitung 150, 2010 S. 3216-3220
  • Homayun Sidky: Witchcraft, Lycanthropy, Drugs, and Disease: an Anthropological Study of the European Witch-Hunts. Peter Lang, New York, 1987, 2004. ISBN 0-8204-3354-3

Weblinks

 Commons: Mutterkorn – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien