Formgedächtnislegierung


Formgedächtnislegierung

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Formgedächtnislegierungen (FGL, englisch shape memory alloy, SMA) werden oft auch als Memorymetalle bezeichnet. Dies rührt von dem Phänomen, dass sie sich an eine frühere Formgebung trotz nachfolgender starker Verformung scheinbar „erinnern“ können.

Einführung

Phasenumwandlung zwischen Hochtemperaturphase (Austenit) und Niedrigtemperaturphase (Martensit). Durch Erwärmen wird eine Verformung des Materials rückgängig gemacht.

Die Formwandlung basiert auf der temperaturabhängigen Gitterumwandlung zweier verschiedener Kristallstrukturen (allotrope Umwandlung) eines Werkstoffes. Es gibt die Austenit genannte Hochtemperaturphase und den Martensit (Niedertemperaturphase). Beide können durch Temperaturänderung ineinander übergehen (Zweiwegeffekt). Die Strukturumwandlung ist unabhängig von der Geschwindigkeit der Temperaturänderung. Zur Einleitung der Phasenumwandlung sind die Parameter Temperatur und mechanische Spannung gleichwertig; das heißt die Umwandlung kann nicht nur thermisch, sondern auch spannungsinduziert herbeigeführt werden.

Ein bekannter Vertreter für diesen Strukturwandel ist u. a. Eisen bzw. Stahl. Allerdings besitzt Stahl kein Formgedächtnis, es muss daher noch eine andere Bedingung erfüllt sein. Formgedächtnis-Legierungen brauchen in jedem Kristallsystem eine Reihe gleichberechtigter Schersysteme, die sich aus der Raumsymmetrie der Elementarzelle ergeben. Sind alle Scherungen bei einer Umwandlung gleich verteilt, ist keine äußere Formänderung zu erkennen. Werden aber beispielsweise durch äußere Kräfte nur einige Schersysteme bevorzugt, werden Formänderungen beobachtet.

Nutzbare Effekte

FGL können sehr große Kräfte ohne auffallende Ermüdung auf mehrere 100.000 Bewegungszyklen übertragen. Im Vergleich zu anderen Aktor-Werkstoffen haben FGL mit Abstand das größte spezifische Arbeitsvermögen (Verhältnis von geleisteter Arbeit zu Werkstoffvolumen). FG-Elemente können mehrere Millionen Zyklen lang funktionieren. Bei steigender Zyklenzahl verschlechtern sich jedoch die Eigenschaften von Formgedächtniselementen. Z. B. kann eine Restdehnung nach Umwandlung verbleiben.

Grundsätzlich können alle Formgedächtnislegierungen alle Formgedächtniseffekte ausführen. Der jeweilig gewünschte Effekt ist Aufgabe der Fertigungs- und Werkstofftechnik und muss durch Abstimmung von Einsatztemperaturen bzw. Optimierung der Effektgrößen antrainiert werden.

Einweg-(Memory)-Effekt

Der Einwegeeffekt ist durch eine einmalige Formänderung beim Aufheizen einer zuvor im martensitischen Zustand pseudoplastisch verformten Probe gekennzeichnet. Er gestattet nur eine einmalige Formänderung. Das erneute Abkühlen bewirkt keine Formänderung, nur eine intrinsische Gitteränderung (Austenit zu verzwillingtem Martensit). Will man nun Formgedächtnislegierungen auch für die Aktorik, z. B. als Stellelement, nutzen, muss das Bauelement wieder in seine „Kaltform“ zurückkehren können. Dies ist z. B. mit einem Rückstell-Element in Form einer Feder möglich.

Zweiweg-(Memory)-Effekt

Formgedächtnislegierungen können sich durch den Zweiweg-Effekt auch an zwei Formen – eine bei hoher und eine bei niedriger Temperatur – „erinnern“. Damit das Bauelement beim Abkühlen seine definierte Form wieder einnimmt, muss es durch thermomechanische Behandlungszyklen „trainiert“ werden. Dies bewirkt die Ausbildung von Spannungsfeldern im Material, die die Bildung von bestimmten Martensit-Varianten beim Abkühlen fördern. Somit stellt die trainierte Form für den kalten Zustand lediglich eine Vorzugsform des Martensit-Gefüges dar. Die Umwandlung der Form kann beim intrinsischen Zweiwegeffekt nur stattfinden, wenn keine äußeren Kräfte entgegenwirken. Daher ist das Bauelement beim Abkühlen nicht in der Lage, Arbeit zu verrichten.

Pseudoelastisches Verhalten („Superelastizität“)

Bei Formgedächtnislegierungen kann zusätzlich zur gewöhnlichen elastischen Verformung eine durch äußere Krafteinwirkung verursachte reversible Formänderung beobachtet werden. Diese „elastische“ Verformung kann die Elastizität konventioneller Metalle bis zum zwanzigfachen übertreffen, das heißt es lässt sich ein Elastizitätsmodul angeben, der nur ein Zwanzigstel des bei Metallen üblichen Wertes beträgt. Die Ursache dieses Verhaltens ist jedoch nicht die Bindungskraft der Atome, sondern eine Phasenumwandlung innerhalb des Werkstoffes. Der Werkstoff muss hierzu in der Hochtemperaturphase mit austenitischem Gefüge vorliegen. Unter äußeren Spannungen bildet sich der kubisch-flächenzentrierte Austenit in den tetragonal verzerrten (raumzentriertes bzw. kubisch-raumzentriertes, tetragonal verzerrtes Gitter) Martensit (spannungsinduziertes Martensit) um. Bei Entlastung wandelt sich der Martensit wieder in Austenit um. Da während der Umwandlung jedes Atom sein Nachbaratom beibehält, spricht man auch von einer diffusionslosen Phasenumwandlung. Deswegen wird die Eigenschaft als pseudoelastisches Verhalten bezeichnet. Das Material kehrt beim Entlasten durch seine innere Spannung wieder in seine Ursprungsform zurück. Dafür sind keine Temperaturänderungen erforderlich.

Anwendung findet dieser Effekt unter anderem auch im Bereich der Medizintechnik.

Magnetische Formgedächtnislegierungen

Neben den vorstehend beschriebenen thermisch angeregten Formgedächtnislegierungen existieren auch magnetisch angeregte Materialien. Die erzielbare Längenänderung solcher Legierungen liegt momentan im Bereich bis 10 % [1] bei verhältnismäßig (im Gegensatz zu magnetostriktiven Materialien) kleinen übertragbaren Kräften.

Werkstoffe

  • NiTi (Nickel-Titan; Nitinol)
  • NiTiCu (Nickel-Titan-Kupfer) - bessere Eigenschaften als NiTi
  • CuZn (Kupfer-Zink)
  • CuZnAl (Kupfer-Zink-Aluminium)
  • CuAlNi (Kupfer-Aluminium-Nickel)
  • FeNiAl (Eisen-Nickel-Aluminium)
  • FeMnSi (Eisen-Mangan-Silizium)

Anwendungsbeispiele

  • Nutzung als Motor bzw. in Generatoren (siehe z. B. Thermobile)
  • In der Automobil-Industrie findet sich der FGL-Aktor als erste hochvolumige Anwendung (> 5 Mio. Aktoren / Jahr) für pneumatische Ventile
  • Als neueste Anwendung finden sich Telefon-Kamera-Verstellungen im Markt, wie Autofokus und kurz vor der Markteinführung die optische Bildstabilisierung. [2]
  • Die hohe Stellkraft wird in Hydraulikpumpen ausgenutzt.
  • Verschiedene Anwendungen als medizinische Implantate wurden entwickelt, so zum Beispiel für Stents, kleine Strukturen zur Stabilisierung von Arterien. An der RWTH Aachen wurde eine miniaturisierte Blutpumpe vorgestellt, die in komprimierter Form mittels eines Katheters in ein Blutgefäß nahe dem Herzen eingeführt wird und sich im Kontakt mit dem körperwarmen Blut in die als Pumpe wirksame Form entfaltet.
  • In der Weltraumtechnik werden Formgedächtnismaterialien oft zum Entfalten der Sonnensegel und ähnlicher Aktivitäten verwendet, dabei wird hauptsächlich der Einwegeffekt benutzt.
  • Nutzung der hohen Rückstellkräfte als Einsatz in Wärmekraftmaschinen[3]
  • Als Stellglieder, wie Federn [3]
  • Adaptive Änderung von Tragflächen und Winglets an Flugzeugen[3]
  • Nutzung in der Endodontie zur Wurzelkanalbehandlung stark gekrümmter Wurzelkanäle, in denen eine Exstirpationsnadel aus Edelstahl brechen würde.
  • Einsatz als Draht in festsitzenden Zahnspangen („Brackets“)[4]
  • Als flexible Brillengestelle, u. a. des deutschen Herstellers Eschenbach Optik unter der Marke TITANflex.[5][6]

Siehe auch

  • Formgedächtnispolymer

Weblinks

Literatur

  • D. Stöckel: Legierungen mit Formgedächtnis. Industrielle Nutzung des Shape-Memory-Effektes. expert-Verlag, 1988, ISBN 3-8169-0323-1.
  • T.W. Duerig (Hrsg.): Engineering Aspects of Shape Memory Alloys. Butterworth-Heinemann, London 1990.
  • M. Schlegl: NiTi-Formgedächtnislegierungen unter zyklischer Beanspruchung im pseudoelastischen Zustand - Anwendungen im Automobilbau. Diss. RU Bochum 1995.
  • M. Mertmann: NiTi-Formgedächtnislegierungen für Aktoren der Greifertechnik. VDI Verlag, 1997, ISBN 3-18-346905-7.
  • J. Spielfeld: Thermomechanische Behandlung von Kupferlegierungen mit Formgedächtnis. VDI Verlag, 1999, ISBN 3-18-355705-3
  • B. Schroeder: Dämpfungseigenschaften von Formgedächtnislegierungen. Diss. Univ. Stuttgart 2001.
  • Y. Y. Chu: Shape memory materials and its applications. Trans Tech Publ., Zürich 2002, ISBN 0-87849-896-6.
  • V. A. Chernenko: Advances in shape memory materials. Trans Tech Publ., Zürich 2008, ISBN 978-0-87849-381-4.
  • P. Gümpel (Hrsg.): Formgedächtnislegierungen. expert-Verlag, 2004, ISBN 3-8169-2293-7.
  • C. Großmann: Makroskopische und mikromechanische Finite-Elemente-Analysen an martensitischen und austenitischen Nickel-Titan Formgedächtnislegierungen. Diss. RU Bochum 2012.

Einzelnachweise

  1.  A. Sozinov, A. A. Likhachev, N. Lanska, K. Ullakko: Giant magnetic-field-induced strain in NiMnGa seven-layered martensitic phase. In: Applied Physics Letters. 80, Nr. 10, 2002, S. 1746, doi:10.1063/1.1458075.
  2. cambridgemechatronics.com: Optical Image Stabilization and rapid Continuous Autofocus for smartphones (engl.)
  3. 3,0 3,1 3,2 SMAterial.com – Applications (engl.)
  4.  R. DesRoches, J. McCormick, M. Delemont: Cyclic Properties of Superelastic Shape Memory Alloy Wires and Bars. In: Journal Of Structural Engineering. 130, Nr. 1, 2004, S. 38–46, doi:10.1061/(ASCE)0733-9445(2004)130:1(38).
  5. Markenregister TITANflex
  6. Eschenbach Website TITANflex