Demokrit


Demokrit

Dieser Artikel handelt von dem Vorsokratiker Demokrit. Für andere Träger des Namens Demokritos siehe Demokritos.
Demokrit, Kupferstich nach antiker Büste, 18. Jahrhundert
Darstellung des Demokrit, Antoine Coypel, 1692, Louvre-Museum

Der griechische Philosoph Demokrit, auch Demokritos (* 460/459 v. Chr. in Abdera[1][2][3], einer ionischen Kolonie in Thrakien; † vermutlich 400 oder 380 v. Chr.[4]) war Schüler des Leukipp und lebte und lehrte in der Stadt Abdera. Er gehört zu den Vorsokratikern und gilt als letzter großer Naturphilosoph.

Leben

Demokrit von Abdera war der Sohn reicher Eltern, sein Vermögen verwendete er für ausgedehnte Reisen. Er rühmte sich, von allen Menschen seiner Zeit die meisten Länder bereist zu haben und zu den gebildetsten Männern unter den Lebenden zu gehören.

Von den Schriften Demokrits sind nur Fragmente erhalten. Das erhaltene Verzeichnis seiner überaus zahlreichen Schriften zeigt jedoch, dass seine Kenntnisse sich über den ganzen Umfang des damaligen Wissens erstreckten. Sogar über die Kriegskunst wusste er Bescheid. Darin scheint ihn unter den späteren Philosophen der Antike nur Aristoteles übertroffen zu haben.

Schon seine Zeitgenossen nannten Demokrit den „lachenden“ Philosophen, vielleicht, weil seine Heimatstadt Abdera in Griechenland den Ruf einer Schildbürgerstadt hatte. Vor allem aber zielte er mit seiner Lehre darauf ab, dass die Seele durch die Theorie des Wesens der Dinge eine heitere, gelassene Stimmung erlange und nicht länger von Furcht oder Hoffnung umgetrieben werde. Diese gleichmütige Gestimmtheit nannte er „Euthymia“ (wörtlich: Wohlgemutheit) und bezeichnete sie als höchstes Gut.

Demokrit und Leukipp hatten großen Einfluss auf Platon - obwohl dieser ihn nie namentlich erwähnte[5] - sowie auf Aristoteles, der ihre Lehren ausführlich untersuchte und teilweise auch sehr kritisch beurteilte:[6]

„Die Frage nach der Bewegung aber, woher und wo sie an die Dinge kommt, haben auch sie, ganz ähnlich wie die anderen, ohne sich über sie den Kopf zu zerbrechen, beiseite liegen lassen.“

Atomistischer Materialismus

Wie sein Lehrer Leukipp - und in Abweichung von dessen Lehrer Parmenides[7] - postulierte er, dass die gesamte Natur aus kleinsten, unteilbaren Einheiten, den Atomen, zusammengesetzt sei. Demokrits zentrale Aussage dazu lautet (gemäß einem Dokument von Galen aus dem 2. Jahrhundert):[8]

„Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum.“

Jedes dieser Atome sollte fest und massiv, aber nicht gleich sein. Es gäbe unendlich viele Atome: runde, glatte, unregelmäßige und krumme. Wenn diese sich einander näherten, zusammenfielen oder miteinander verflochten, dann erschienen die einen als Wasser, andere als Feuer, als Pflanze oder als Mensch.

Seiner Meinung nach lassen sich auch Sinneswahrnehmung und Seelenexistenz auf atomistische Prinzipien zurückführen, indem die Seele aus Seelenatomen bestehe. Stirbt ein Mensch, streuen diese Seelenatome aus und können sich einer neuen Seele anschließen, die sich gerade bildet. Alles, was sich im Weltall bewege, gründe entweder auf Zufall oder auf Notwendigkeit. Diese Lehre ist ein konsequenter und atomistischer Materialismus. Die wesentlichen Grundzüge finden sich bei den materialistisch gesinnten Naturforschern späterer Perioden beinahe unverändert wieder.

Demokrit verwirft die Annahme eines vom körperlichen Stoffe verschiedenen geistigen Prinzips, wie es der Nous seines Vorgängers Anaxagoras war. Dieses Prinzip sollte die Dinge seinem Endzweck gemäß gestalten. Dementgegen führte Demokrit das Werden der Dinge auf die unteilbaren Elemente der Materie, die körperlichen Atome zurück. Diese besitzen von Anbeginn an eine ihnen innewohnende Bewegung im Leeren. Das heißt, er führt eine Änderung auf deren mechanisch wirkende Ursachen zurück.

Die Atome sind nicht der Beschaffenheit (wie bei Anaxagoras) nach voneinander zu unterscheiden, sondern nur der Gestalt nach. Demokrit nahm an, dass jedes Atom die Form eines regelmäßigen geometrischen Körpers hat, wie Kugel, Zylinder, Pyramide, Würfel. Folgerichtig können auch die aus Atomen zusammengesetzten Körper nicht qualitativ, sondern nur quantitativ unterschieden werden, also der Gestalt, der Ordnung und Lage ihrer Elemente nach. Die Größe der Körper entspricht in ihrer Menge und ihrer Schwere dem Vielfachen der Menge und Schwere der Atome. Aus den Verschiedenheiten lässt sich alle Mannigfaltigkeit der Erscheinungswelt erklären.

Weder bei den Atomen noch bei deren Eigenschaften, ebenso wenig wie bei deren Bewegung, darf man nach einer Ursache fragen. Sie sind sämtlich ewig. Doch liegt es in der Natur der Schwere, dass die größeren (also auch schwereren) Atome eine raschere Bewegung – und zwar nach unten – annahmen. Dadurch werden die kleineren (und folglich leichteren) verdrängt und nach oben getrieben. Durch die zusammenstoßenden Atome entstehen Seitenbewegungen und dadurch wiederum ein sich allmählich immer weiter ausbreitender Wirbel, der die Weltbildung herbeiführte.

Wie sich beim Worfeln des Getreides von selbst Spreu zur Spreu und Korn zum Korn findet, so musste durch die wirbelnde Bewegung durch Naturnotwendigkeit das Leichtere zum Leichten, das Schwerere zum Schweren gelangen und durch dauernde Verflechtung der Atome der Grund zur Bildung größerer Atomenaggregate (Körper) und ganzer Körperwelten gelegt werden. Einer der auf diesem Wege gewordenen Körper ist die ursprünglich wie alles übrige in Bewegung befindlich gewesene, allmählich zur Ruhe gelangte Erde, aus deren feuchtem Zustand die organischen Wesen hervorgegangen sind.

Auch die Seele ist ein Atomenaggregat, ein Körper, aber ein solcher, dessen Bestandteile die vollkommensten, das heißt feinsten, glattesten und kugelförmigsten Atome sind, welche der Erscheinung des Feurigen entsprechen. Teile derselben werden, solange das Leben währt, durch Ausatmen an die Luft abgegeben und durch das Einatmen derselben als Ersatz wieder aufgenommen. Ebenso lösen sich von den uns umgebenden Dingen unaufhörlich feine Ausflüsse, welche durch die Öffnungen unseres Leibes (die Sinnesorgane) an die im Innern desselben befindliche Seele gelangen und dort durch Eindruck ihnen ähnliche Bilder erzeugen, welches die Sinneswahrnehmungen sind. Letztere bilden die einzige, aber, da jene Ausflüsse auf dem Weg zur Seele mehr oder weniger störende Umbildungen erfahren können, nicht absolut zuverlässige und objektive Quelle unserer Erkenntnis, die sich daher nicht über die Stufe der Wahrscheinlichkeit erhebt.

Zu der Seele, die von Natur aus die Erkenntnis möglich macht, verhält sich der übrige Mensch (sein Leib) nur wie ein „Zelt“; wer die Gaben der Ersteren liebt, liebt das Göttliche, wer die des Leibes liebt, das Menschliche. Erkenntnis aber gewährt Einsicht in das Ansich der Dinge, d. h. die Atome und das Leere, und in die gesetzliche Notwendigkeit des Verlaufs der Dinge, die weder einer Leitung durch außenstehende Mächte bedürftig noch einer Störung durch solche zugänglich ist. Während alle Unterschiede für uns nur Einsicht in die sinnlichen Erscheinungen sind, befreit die Erkenntnis von törichter Furcht wie von eitler Hoffnung und bewirkt jene Gelassenheit (Ataraxie), welche das höchste Gut und zugleich die wahre Glückseligkeit ist.

Demokrit soll bei dieser Weltbetrachtung das 100. Lebensjahr erreicht haben; inwiefern dieselbe ausschließlich sein eigenes Werk ist oder von seinem, gewöhnlich mit ihm zugleich genannten, aber noch weniger bekannten Landsmann Leukippos entnommen war, lässt sich aus Mangel genauer Nachrichten nicht mehr entscheiden.

Nachleben

Christoph Martin Wieland machte Demokrit zum Helden seines ironischen Romans "Geschichte der Abderiten", in dem er die Torheiten seiner Zeitgenossen verspottet.

Der Mondkrater Democritus ist nach ihm benannt.

Quellensammlungen

  • Fritz Jürß, Reimar Müller, Ernst Günther Schmidt (Hrsg.): Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Antike. Reclam, Leipzig 1973
  • Gred Ibscher (Hrsg.): Fragmente zur Ethik. Reclam, Stuttgart 1996, ISBN 3-15-009435-6.
  • Friedrich Wilhelm August Mullach (Hrsg.): Democriti Abderitae operum fragmenta. Verlag Besser, Berlin 1843.
Weitere Quellensammlungen siehe Quellensammlungen der Vorsokratiker

Literatur

  • Sousanna-Maria Nikolaou: Die Atomlehre Demokrits und Platons Timaios. Eine vergleichende Untersuchung, Stuttgart 1998. ISBN 3-519-07661-6. Beiträge zur Altertumskunde, Bd. 112
  • Cyril Bailey: The Greek Atomists and Epicurus. Oxford 1928.
  • Nikolaos Bakalis: Handbook of Greek Philosophy: From Thales to the Stoics Analysis and Fragments. Trafford Publishing, 2005. ISBN 1-4120-4843-5
  • Jonathan Barnes: The Presocratic Philosophers. Routledge Revised Edition, 1982
  • John Burnet: Early Greek Philosophy. Kessinger Publishing 2003.
  • William Keith Guthrie: A History of Greek Philosophy – The Presocratic tradition from Parmenides to Democritus. Cambridge University Press, Cambridge 1979.
  • G.S. Kirk u. a.: The Presocratic Philosophers. Cambridge University Press, Cambridge 1983
  • Norman Melchert: The Great Conversation: A Historical Introduction to Philosophy. McGraw Hill 2002. ISBN 0-19-517510-7
  • C.M. Pyle: Democritus and Heracleitus: An Excursus on the Cover of this Book. In: Milan and Lombardy in the Renaissance. Essays in Cultural History. La Fenice, Rome 1979. Fortuna of the Laughing and Weeping Philosophers topos. Istituto di Filologia Moderna, Università di Parma: Testi e Studi, Nuova Serie: Studi 1.
  • Thomas Rütten: Demokrit - lachender Philosoph und sanguinischer Melancholiker. Eine pseudohippokratische Geschichte. E. J. Brill, Leiden 1992.

Weblinks

 Wikiquote: Demokrit – Zitate
 Commons: Demokrit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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Einzelnachweise

  1. Bertrand Russell. A History of Western Philosophy, Simon & Schuster (1972) (Philosophie des Abendlandes)
  2. Encyclopedia Britannica. Democritus.
  3. Internet Encyclopedia of Philosophy Democritus.
  4. Jaap Mansfeld (Hrsg.): Die Vorsokratiker II. Zenon, Empedokles, Anaxagoras, Leukipp, Demokrit. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, 1999, S. 231.
  5. Sousanna-Maria Nikolaou: Die Atomlehre Demokrits und Platons Timaios. Eine vergleichende Untersuchung (Beiträge zur Altertumskunde, Band 112). Stuttgart 1998, ISBN 3-519-07661-6. - Seite 201
  6. Aristoteles: Metaphysik, Erste Abteilung, Einleitung, II. Die Lehre von den Prinzipien bei den Früheren, A: Die älteren Philosophen, letzter Absatz.
  7. Sousanna-Maria Nikolaou: Die Atomlehre Demokrits und Platons Timaios. Eine vergleichende Untersuchung (Beiträge zur Altertumskunde, Band 112). Stuttgart 1998, ISBN 3-519-07661-6. - Seite 42
  8. Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker, Fragmente und Quellenberichte - Leipzig: Kröner, 1935. (Kröners Taschenausgabe Band 119) - S. 399