Clonidin


Clonidin

Strukturformel
Strukturformel von Clonidin
Allgemeines
Freiname Clonidin
Andere Namen
  • IUPAC: 2-[(2,6-Dichlorphenyl) imino]imidazolidin
  • Latein: Clonidinum
Summenformel C9H9Cl2N3
CAS-Nummer
PubChem 2803
ATC-Code
DrugBank DB00575
Kurzbeschreibung

weißes bis fast weißes, kristallines Pulver (HCl) [1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Antihypertensiva

Wirkmechanismus
Verschreibungspflichtig: Ja
Eigenschaften
Molare Masse 230,09 g·mol−1
Schmelzpunkt

130 °C [3]

pKs-Wert

8,05 (25 °C) [3]

Löslichkeit

löslich in Wasser und absolutem Ethanol (Clonidin·Hydrochlorid) [1]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [4]
06 – Giftig oder sehr giftig

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301-330
P: 260-​284-​301+310-​310 [4]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [5][6]

T+
Sehr giftig
Clonidin·Hydrochlorid
R- und S-Sätze R: 25-26
S: 22-26-28-36/37/39-45
LD50

108 mg·kg−1 (Maus p.o.) [3]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
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Clonidin ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Imidazoline. Es wird als Arzneistoff zur Behandlung der arteriellen Hypertonie (Bluthochdruck), unterstützend während Narkosen und bei der Dämpfung von Entzugserscheinungen eingesetzt. Clonidin ist ein α2-Adrenozeptor-Agonist. Clonidin kann oral – als Tablette oder Kapsel – bzw. intravenös, intramuskulär oder subkutan verabreicht werden.

Geschichte

Das heutige Hauptanwendungsgebiet von Clonidin (Behandlung der arteriellen Hypertonie) wurde in den sechziger Jahren eher zufällig erschlossen: Bei Tests verschiedener Substanzen zum Abschwellen der Nasenschleimhaut fiel beim Clonidin die starke Verringerung der Herzfrequenz (Bradykardie) und die Senkung des Blutdruckes (Hypotonie) auf. Später wurden im Tierexperiment auch schmerzlindernde und beruhigende Wirkkomponenten nachgewiesen.

Pharmakologie

Wirkungen

Insgesamt resultieren folgende Wirkungen

  • Senkung des Blutdruckes
  • Verminderung der Herzfrequenz
  • Senkung des Sympathikotonus im Entzug
  • Sedierung (gering ausgeprägt)
  • Schmerzlinderung

Wirkungsmechanismus

Clonidin gehört zwar zur Gruppe der Sympathikomimetika, besitzt aber durch die Erregung der α2-Adrenozeptoren der Präsynapse einen hemmenden Einfluss auf die efferenten sympathischen Fasern. An den Barorezeptoren der A. carotis wird so bei einem Anstieg des arteriellen Blutdrucks eine Hemmung des Sympathikotonus und Stimulierung des Parasympathikus mit Folge der Blutdrucksenkung erreicht. Die Signaltransduktion erfolgt im Wesentlichen GPCR-vermittelt (vorwiegend inhibitorisches G-Protein) über präsynaptische α2-Rezeptoren. Jene α2-Rezeptoren sitzen an verschiedensten Stellen im Zentralnervensystem (Hypothalamus, Thalamus, Medulla oblongata, Formatio reticularis, Locus caeruleus, Nucleus tractus solitarii u. a.), ihre Stimulation bewirkt über eine verminderte Ausschüttung von Noradrenalin aus den Nervenendigungen (physiologischerweise ein negativer Rückkopplungsmechanismus) eine Verminderung des Sympathikotonus und damit eine sympatholytische Wirkung. Weitere Mechanismen sind die Stimulation von Imidazolin-Rezeptoren (u. a. venterolaterale Medulla oblongata) und die Stimulation von postsynaptischen α2-Adrenozeptoren des Nucleus tractus solitarii, einer Hauptumschaltstelle der Blutdruckregulation. Alle genannten Mechanismen ziehen sympatholytische Effekte nach sich. Clonidin interagiert jedoch nicht nur mit den oben genannten α2-Adrenozeptoren, sondern wegen nicht hundertprozentiger Spezifität (relative Spezifität / Selektivität) auch mit den α1-Adrenozeptoren. Aus diesem Grunde kann bei schneller intravenöser Gabe auch ein initialer Blutdruckanstieg eintreten; ein paradoxer sympathomimetischer Effekt, der am ehesten durch eine Stimulation postsynaptischer α-Adrenozeptoren an der glatten Gefäßmuskulatur bedingt ist. Clonidin bewirkt über eine Stimulation der Hypophyse die Freisetzung von Wachstumshormon.

Anwendungsgebiete

  • Behandlung der Hypertonie
  • unterstützend in der Behandlung von Drogenentzugssyndromen (Alkohol, Opioide, γ-Butyrolacton u. a.)
  • Nutzung im Rahmen des Clonidin-Hemmtests
  • Anwendung im Rahmen von Narkosen zur Dämpfung des Vegetativums und zur Vermeidung von postoperativem Kältezittern
  • Sedierung im Rahmen der Intensivmedizin
  • Beimischung zum Lokalanästhetikum bei regionalen Anästhesieverfahren
  • In der Schmerztherapie zur Verringerung der Opioiddosierung
  • Behandlung von Intrusion und Übererregbarkeit bei PTBS-Patienten[7]
  • Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung[8]
  • Clonidin-Test bei Verdacht auf Wachstumshormon-Mangel
  • Behandlung von Glaukom zur Verringerung der Kammerwasserproduktion und Erhöhung des Kammerwasserabflusses

Nebenwirkungen

  • Anticholinerge Symptome, die auf die agonistische Wirkung des Clonidins an Imidazolin-Rezeptoren zurückzuführen sind, wie
    • Mundtrockenheit
    • Verstopfung
    • verminderte Speichel- und Magensaftproduktion
  • Müdigkeit
  • Depressive Verstimmung
  • Benommenheit
  • orthostatische Hypotonie (= beim Übergang vom Liegen/Sitzen zum Stehen)

Wechselwirkungen

Eine Wirkungsverstärkung geschieht durch Diuretika, Vasodilatantien, Neuroleptika, Alkohol und Hypnotika, eine Wirkungsabschwächung wird durch Trizyklische Antidepressiva und teilweise auch Neuroleptika bewirkt.

Kontraindikation

Relative Kontraindikationen sind ein AV-Block 2. Grades und eine schwere arterielle Verschlusskrankheit, während ein AV-Block 3. Grades (wenn kein Schrittmacher zur Verfügung steht), ein Raynaud-Syndrom oder Depressionen absolute Kontraindikationen darstellen.

Pharmakokinetik

  • Bioverfügbarkeit: 75 %
  • Verteilungsvolumen: 2 l·kg−1
  • Plasmaproteinbindung: 30 - 40 %
  • Metabolismus: Nur geringe (20 %) hepatische Metabolisierung, vor allem zu p-Hydroxy-Clonidin
  • Plasmahalbwertszeit: 5-13 h nach oraler Gabe, 7-11 h nach i.v. Gabe
  • Elimination: Überwiegend (65 %) renal, höchstens 10 % über den Faeces, Clearance 182 ± 0,3 ml/min/kg.

Handelsnamen

Catapresan (A, D, CH), Haemiton (D), Isoglaucon (A, D), Paracefan (D)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1  Europäische Arzneibuch-Kommission (Hrsg.): EUROPÄISCHE PHARMAKOPÖE 6. AUSGABE. 6.0–6.2, 2008.
  2. Mutschler, Geisslinger, Kroemer, Ruth, Schäfer-Korting: Mutschler Arzneimittelwirkungen. 9. Auflage, 2008, ISBN 978-3-8047-1952-1.
  3. 3,0 3,1 3,2 Clonidin bei ChemIDplus.
  4. 4,0 4,1 Datenblatt Clonidine hydrochloride bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 23. März 2011.
  5. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Zubereitungen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  6. Eintrag zu Clonidinhydrochlorid in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 4. April 2008 (JavaScript erforderlich)
  7. Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) und andere Folgen von Traumatisierungen. psychiatriegespraech.de. Abgerufen am 5. Juli 2012.
  8. Bundesärztekammer (11. Juni 2010): Stellungnahme zur 'Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS)' - Langfassung -. Abgerufen am 25. September 2012.
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