Charles Adolphe Wurtz

Charles Adolphe Wurtz

Charles Adolphe Wurtz (ca. 1870)

Charles Adolphe Wurtz, auch Karl Adolph Wurtz (* 26. November 1817 in Straßburg[1]; † 12. Mai 1884 in Paris), war ein französischer Arzt und Chemiker. Sein Hauptuntersuchungsgebiet waren die Chemie der Kohlenwasserstoffe und der organische Stickstoffverbindungen. So synthetisierte er das Ethylamin und entdeckte das Glycol sowie das Phosphoroxychlorid. Zusammen mit Rudolph Fittig wurde die Wurtz-Fittig-Synthese benannt, bei der aus Halogenalkanen durch Einwirkung von Alkalimetallen Kohlenwasserstoffe entstehen.

Leben

Sein Vater Jean Jacques Wurtz war evangelischer Pfarrer in Straßburg und in Wolfisheim, wo Charles Adolphe Wurtz seine frühe Jugend verbrachte[2]. Seine Mutter war Sophie Kreiss.[3] Nach dem Besuch des evangelischen Gymnasiums in Straßburg im Jahre 1834, begann er im Einvernehmen mit seinem Vater das Studium der Medizin.[4] Sein Interesse galt besonders der klinischen Chemie, sodass er 1839 zum Chef des travaux chimiques an der Straßburger Medizinischen Fakultät ernannt wurde. Er beendete sein Studium mit einer Dissertation Histoire chimique de la bile à l’état sain et à l’état pathologique (1839). Dann folgte ein Studienjahr unter Justus von Liebig in Gießen, in dessen Anschluss er wieder nach Paris zurückging, wo er im Laboratorium von Jean-Baptiste Dumas arbeitete. Im Jahre 1845 wurde er Assistent (Präparator) von Dumas an der École de Médicine de Paris, und vier Jahre später begann er dort Vorlesungen über organische Chemie zu halten.

Eine weitere akademische Publikation für die Faculté de Médecine in Paris erschien 1847 mit dem Titel De la production de la chaleur dans les êtres organisés. Wegen der bescheidenen Ausstattung seines Labors an der École de Médicine de Paris eröffnete er ein eigenes privates Laboratorium im Jahr 1850 in der Rue Garenciere. Er stand mit den elsässischen Chemikern Auguste Scheurer-Kestner, Charles Frédéric Gerhardt und Joseph-Achille Le Bel in Verbindung[5].

Wurtz heiratete Constance Opperman (1830–1906) beide hatten eine Tochter Sophie Lucie Wurtz (1855–1922)[6] und einen Sohn Henri Wurtz (1862–1944).

Im Jahr 1850 erhielt er eine Professur für Chemie an dem neu eröffneten Institut Agronomique in Versailles, das aber bereits 1852 wieder geschlossen wurde. Im darauf folgenden Jahr erhielt er den Lehrstuhl für Organische Chemie an der Medizinischen Fakultät, der durch den Rücktritt von J.B.A. Dumas vakant geworden war. Im Jahr 1866 übernahm er die Aufgaben des Dekans an der Fakultät für Medizin. Im Jahr 1875 schied er aus dem Amt des Dekans aus, jedoch unter Beibehaltung des Titels eines Ehren-Dekans. Wurtz war Ehrenmitglied von fast allen wissenschaftlichen Gesellschaften in Europa. Er war einer der Begründer der Société Chimique de France (1858), war dort erster Sekretär und dreimal als Präsident tätig.

1875 war er der erste Lehrstuhlinhaber für organische Chemie an der Sorbonne.[7]

Wurtz starb in Paris im Jahre 1884, vermutlich an den Komplikationen eines Diabetes mellitus, und wurde auf dem Friedhof Père Lachaise beigesetzt.

Wissenschaftliches Wirken

Sein Hauptuntersuchungsgebiet waren die Kohlenwasserstoffe und organische Stickstoffverbindungen.[8] Er synthetisierte erstmals das Ethylamin. Diese Synthese wurde gefördert durch die Überlegungen zu der Typentheorie von 1839[9] von Charles Frédéric Gerhardt und Auguste Laurent (1807–1853), wonach die Elemente eines chemischen Körpers durch andere Elemente ersetzt werden können – hier durch die Einführung des Ammoniaks (NH3) im Jahre 1849 in entsprechend neu zu synthetisierenden, chemischen Verbindungen (siehe hierzu auch Geschichte der Substitutionsreaktion).

Wurtz erzeugte damit eine Serie von chemischen Körpern, vom Ammoniak (NH3) über das Ethylamin (C2H5NH2) zum Diethylamin ((C2H5)2NH) und letztlich zum Triethylamin ((C2H5)3N).

Er entdeckte das Ethylenglycol und das Phosphoroxychlorid. Nach ihm und nach Rudolph Fittig ist die Wurtz-Fittig-Synthese benannt, bei der aus Halogenalkanen durch Einwirkung von Alkalimetallen Kohlenwasserstoffe entstehen. Diese stellt eine Weiterentwicklung der eigentlichen Wurtzschen Synthese dar.

Wurtz veränderte den ursprünglichen durch Edward Frankland gewählten Versuchsaufbau – mit Ethyljodid und Zink – und setzte vielmehr ein Gemisch bestehend aus zwei Alkylhalogeniden mit metallischem Natrium um. Allgemein gilt für die Wurtzsche Synthese folgendes:

R-Hal + 2 Na → R-Na + NaHal
R-Na + R-Hal → R-R + NaHal

Dabei steht "R" für einen gesättigten aliphatischen Kohlenwasserstoff und "Hal" für ein Halogen und "Na" für Natrium.

Als Ergebnis konnte er eine Reihe neuer Kohlenwasserstoffe gewinnen.[10]

Seit 1852 war Wurtz Mitredakteur des Journals der Annales de chimie et de physique und seit Oktober 1858 Herausgeber des Répertoire de chimie pure der in diesem Jahr gegründeten Société chimique de Paris.

Ehrungen

Wurtz-Statue in Strasbourg
Straßenschild in Wolfisheim (Frankreich)
  • Im Jahr 1886 fertigte der Medailleur Alphée Dubois (1831–1905) eine Medaille mit Wurtz’ Portrait an, von der sich noch ein Exemplar im Musée Carnavalet befindet.
  • Charles Adolphe Wurtz ist namentlich auf dem Eiffelturm verewigt, siehe: Die 72 Namen auf dem Eiffelturm.
  • Seit 1893 trägt eine Straße im 13. Arrondissement (Paris) seinen Namen.
  • In den frühen 1920er Jahren wurde vor der Kirche Saint-Pierre-le-Jeune protestant in Strasbourg, in der Nähe seines Geburtshauses, eine Statue von Wurtz errichtet.
  • In den 1980er Jahren benannte seine Heimatgemeinde Wolfisheim, in der Wurtz seine früheste Jugend verbrachte, eine Straße nach ihm.
  • Wurtzit, auch als Beta-Zinksulfid (β-ZnS) bezeichnet, ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“. Die Erstbeschreibung des Wurtzits wurde von dem französischen Chemiker und Mineralogen Charles Friedelim Jahre 1861 vorgenommen. Er benannte das Mineral nach seinem Lehrer Charles Adolphe Wurtz, in Anerkennung dessen wissenschaftlicher Verdienste.

Werke (Auswahl)

  • Histoire chimique de la bile à l’état sain et à l’état pathologique (1839)
  • De la production de la chaleur dans les êtres organisés (1847)
  • Mémoire sur les ammoniaques composés (1850), Paris
  • Leçons de philosophie chimique (1864), Paris
  • Leçons de Chimie professées (1864)
  • Traité élémentaire de chimie médicale (1864–65; 2. Aufl. 1868-75), 2 Bände, Paris
  • Leçons élémentaires de chimie moderne (1866, 6. Aufl. 1892), Paris
  • Histoire des doctrines chimiques depuis Lavoisier jusqu’à nos jours (1868), Paris
  • Dictionnaire de chimie pure et appliquée (1868–78; Supplement, 1880-86, 2 Bände; 2. Supplement von Friedel, 1892), 5 Bände, Paris
  • La théorie atomique (1878; deut. Leipzig 1879)
  • Traité de chimie biologique (1884)
  • Introduction à l'étude de la chimie (1885)

Literatur

  • John Hedley Brooke: Wurtz, Charles-Adolphe. In: Complete Dictionary of Scientific Biography. Band 14, Charles Scribner’s Sons, Detroit 2008, S. 529–532 (online).
  • Charles Friedel: Notice sur la vie et les travaux de Charles-Adolphe Wurtz. In: Bulletin de la Société Chimique. Band 43, Paris 1885, S. I–LXXX (online).
  • August Wilhelm Hofmann: Erinnerung an Adolph Wurtz. In: Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Band 20, 1887, S. 815–996 (online).
  • Alan J. Rocke: Nationalizing Science: Adolphe Wurtz and the Battle for French Chemistry, MIT Press, Cambridge (MA)/London 2001, ISBN 0-262-18204-1.
  • Natalie Pigeard-Micault: Charles-Adolphe Wurtz: un savant dans la tourmente: entre bouleversements politiques et revendications féministes. Hermann (2011)
  • Meyers Konversations-Lexikon, Band 17, 5. Aufl. (1897), Ed. Bibliograph. Inst., Leipzig u. Wien, Seiten 904-905

Weblinks

Commons: Charles Adolphe Wurtz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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Einzelnachweise

  1. Die in der Literatur häufig gefundene Angabe von Wolfisheim als Geburtsort kann durch Einsicht des dortigen Geburtenregisters von 1817 nicht bestätigt werden.
  2. 1902 Encyclopedia: Charles Adolphe Wurtz Franco-German chemist (1817-84)
  3. Genealogie der Familie
  4. Biographie in englischer Sprache
  5. Biographie aus der SOCIÉTÉ CHIMIQUE DE FRANCE in französischer Sprache
  6. Portrait von Sophie Lucie Wurtz
  7. Aubert, Grégory, Balandier und Aubrun: Encyclopaedia universalis (1975), Band 20, Seite 2084
  8. Alois Kernbauer (Hrsg.): Die "klinische Chemie" im Jahre 1850. Franz Steiner Verlag (2002), S. 124 ff.
  9. August Kekulé; et al.: Lehrbuch der organischen Chemie, Bd. 1, S. 68 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche).
  10. Fieser, Louis F.; Fieser, Mary: Organische Chemie. Verlag Chemie Weinheim 2. Aufl. (1972), S. 128