Sipuleucel-T

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Eine dendritische Zelle unter dem Lichtmikroskop

Sipuleucel-T, auch APC8015 genannt, ist der Name eines Immuntherapeutikums, das als therapeutischer Krebsimpfstoff zukünftig zur Behandlung des Prostatakarzinoms eingesetzt werden soll. Sipuleucel-T besteht aus autologen (körpereigenen) dendritischen Zellen, die ex vivo mit dem Fusionsprotein PA2024 inkubiert wurden.[1]

Sipuleucel-T wurde unter dem Markennamen Provenge von der US-amerikanischen Firma Dendreon entwickelt und am 29. April 2010 nach Abschluss der klinischen Phase III von der FDA als Arzneimittel in den Vereinigten Staaten zugelassen.[2]

Beschreibung

Sipuleucel-T soll das Immunsystem der behandelten Patienten, die bereits an einem Prostatakarzinom erkrankt sind, stimulieren, um so den Tumor zu bekämpfen. Dazu werden den Patienten per Leukapherese („Blutwäsche“) mononukleäre Zellen des peripheren Blutes (PBMC, engl. Peripheral Blood Mononuclear Cell) entnommen. Durch Zentrifugation werden die Zellen weiter angereichert und mit dem Fusionsprotein PA2024 für 40 Stunden inkubiert. Anschließend werden die Zellen gewaschen und in Ringer-Lactat-Lösung suspendiert. Der gesamte Vorgang dauert etwa 48 Stunden.[3] Diese Suspension (Sipuleucel-T) wird danach dem Patienten ambulant infundiert. Die maximale Stimulation der T-Zellen wird nach drei Infusionen innerhalb von zwei Wochen erreicht.[1]

Das Fusionsprotein PA2024 besteht aus dem Enzym prostataspezifischer saurer Phosphatase (engl. prostatic acid phosphatase, PAP), das mit humanem Glykoprotein GM-CSF (engl. granulocyte macrophage colony-stimulating factor) verbunden ist. PAP ist dabei das Tumorantigen. Es wird von 95 Prozent der malignen Prostatazellen exprimiert, aber nicht von den gesunden.[4]

Die induzierten T-Zellen sind nach der Inkubation mit PA2024 gegen das Tumorantigen PAP gerichtet und sollen so im Körper der Patienten die Zellen bekämpfen, die dieses Tumorantigen exprimieren. Idealerweise sind dies die Zellen des Primärtumors und die seiner Metastasen.

Ergebnisse klinischer Studien

In einer Studie mit 127 austherapierten Patienten mit metastatisierten und hormonresistenten Tumoren stieg die mittlere Überlebenszeit von 21,4 Monaten bei der Vergleichsgruppe die das Placebo erhielt, auf 25,9 Monate bei der mit Sipuleucel-T behandelten Gruppe an. Das progressionsfreie Überleben wurde (nicht signifikant) von 10 Monaten auf 11,7 Monate erhöht.[5] Die Überlebensrate nach drei Jahren stieg von 11 auf 34 Prozent an.[6] Die in den Vereinigten Staaten für die Zulassung zuständige Food and Drug Administration (FDA) verweigerte aber 2007 zunächst die Zulassung.[4] Der Entscheidung der FDA war eine Beratertagung vorausgegangen. In ihr hatten sich 13 der Berater für und 4 gegen die Zulassung ausgesprochen. Alle 17 sahen den Wirkstoff als sicher an. Nach der Tagung hatten sich zwei der Berater auf schriftlichem Weg bei der FDA ausdrücklich gegen die Zulassung von Sipuleucel-T geäußert. Dies gab letztlich den Ausschlag dafür, dass die FDA die Zulassung zunächst verweigerte und eine weitere Studie anforderte.[4]

Bei der weiteren Phase-III-Studie (IMPACT = Immunotherapy for Prostate Adeno Carcinoma Treatment), die multizentrisch doppelblind und placebokontrolliert mit über 500 Patienten durchgeführt wurde, wurden 2009 folgende Ergebnisse veröffentlicht: die mittlere Überlebenszeit wurde um 4,1 Monate und die Drei-Jahres-Überlebensrate um 38 Prozent erhöht.[7]

Ein Therapiezyklus umfasst drei Infusion von Sipuleucel-T. Die Kosten dafür liegen in den Vereinigten Staaten bei 93 000 US$.[8]

Kritiker bemängeln sowohl die hohen Kosten von Sipuleucel-T, mit durchschnittlich 23 000 US$ pro „gewonnenem“ Monat, als auch das Design der Studie. Dabei wurde Sipuleucel-T nicht im Vergleich zu einem anderen Therapeutikum, wie beispielsweise Docetaxel, getestet. In diesem Fall wäre dann möglicherweise keine signifikante Erhöhung der mittleren Überlebenszeit feststellbar gewesen.[9]

Nebenwirkungen

Im Rahmen der klinischen Studien wurde festgestellt, dass Sipuleucel-T von den Patienten generell gut vertragen wird. Übliche Nebenwirkungen sind Fieber, Tremor und ein Kältegefühl. Es konnten keine Hinweise auf eine mögliche Autoimmunerkrankung gefunden werden, die durch eine Wechselwirkung vom PAP-Tumorantigen mit dem normalen Gewebe ausgelöst werden könnte.[1] Dies wäre prinzipiell möglich, da PAP von gesundem Gewebe nicht exprimiert wird.[10]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 A. L. Harzstark und E. J. Small: Immunotherapy for prostate cancer using antigen-loaded antigen-presenting cells: APC8015 (Provenge). In: Expert Opin Biol Ther 7, 2007, S. 1275–1280. PMID 17696825 (Review)
  2. C. Larkin: Dendreon Rises After Winning Approval for Cancer Drug (Update2). In: Businessweek.com vom 29. April 2010
  3. B. Rini: Technology evaluation: APC-8015, Dendreon. In: Curr Opin Mol Ther 4, 2002, S. 76–79. PMID 11883698 (Review)
  4. 4,0 4,1 4,2 Prostatakarzinom: „Impfstoff“ verlängert Leben. In: Ärzteblatt' vom 15. April 2009
  5. Prostatakarzinom: Impfstoff verlängert Leben. In: Ärzteblatt vom 30. Juni 2006
  6. E. J. Small u. a.: Placebo-Controlled Phase III Trial of Immunologic Therapy with Sipuleucel-T (APC8015) in Patients with Metastatic, Asymptomatic Hormone Refractory Prostate Cancer. In: Journal of Clinical Oncology 24, 2006, S. 3089–3094. doi:10.1200/JCO.2005.04.5252 PMID 16809734
  7. innovations-report.de: Prostate cancer immunotherapy significantly prolongs survival in men with advanced prostate cancer. Vom 30. April 2009
  8. B. Orelli: Pricey Provenge Pumps Up Dendreon. vom 30. April 2010
  9. W. Caesar: Therapeutischer Impfstoff Provenge zugelassen. In: Deutsche Apotheker Zeitung vom 5. Mai 2010
  10. T. Solin u. a.: Gene expression and prostate specificity of human prostatic acid phosphatase (PAP): evaluation by RNA blot analyses. In: Biochim Biophys Acta 1048, 1990, S. 72–77. PMID 1688712

Weiterführende Literatur

Weblinks

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