Atomsemiotik


Atomsemiotik

Warnzeichen W05:
„Warnung vor radioaktiven Stoffen oder ionisierenden Strahlen“

Atomsemiotik ist eine Richtung der Semiotik, also der „Lehre von den Zeichen, die im Rahmen von mit Atomenergie verbundenen Problemen nutzbar gemacht werden kann“.[1] Im engeren Sinn ist es die Anwendung der Semiotik um Warnung vor Gefahren des Atommülls an die Nachwelt zu entwerfen.

Diese Forschungsrichtung entstand formal im Jahr 1981, als eine dreizehnköpfige Arbeitsgruppe („Human Interference Task Force“) im Auftrag der US-Regierung und des Bechtel-Konzerns Untersuchungen über menschliches Eindringen in Endlager mit Atommüll anstellten. Aufgabenstellung des Forscherteams war es, herauszufinden, wie man verhindern könnte, dass Menschen in das geplante Endlager am Yucca Mountain in Nevada eindringen könnten. Zu dieser Arbeitsgruppe wurde neben Ingenieuren, Anthropologen, Kernphysikern, Verhaltensforschern und einem Juristen auch der Semiotiker und Linguist Thomas Sebeok berufen.[2] Im deutschsprachigen Raum wurde die Atomsemiotik bekannt, als Roland Posner von der Arbeitsstelle für Semiotik der Technischen Universität Berlin 1982/83 zwölf internationale Wissenschaftler aus Ost und West um Beiträge für eine Themenausgabe der Zeitschrift für Semiotik bat, die 1984 erschien[3]. Seitdem wird das Thema sowohl ernsthaft[1] wie als Kuriosität[4] immer wieder aufgegriffen.

Eingang zum Yucca Mountain

Problemstellung

Durch den Betrieb von Kernkraftwerken und anderen kerntechnischen Einrichtungen werden radioaktive Stoffe in solchen Mengen erzeugt, dass ihre gesundheitlichen Wirkungen noch in Tausenden von Jahren tödlich sein können. Die Nukleartechnik führt also zur ethischen Verantwortung[5], die radioaktiven Stoffe für diesen langen Zeitraum von den Menschen fernzuhalten. Es gibt aber keine Einrichtung, die in der Lage ist, kontinuierlich für Tausende von Jahren das notwendige Wissen zu erhalten und verantwortlich mit den Langzeitfolgen umzugehen, denn die Zeitdimensionen übersteigen die bisherigen menschlichen Maßstäbe. Vergleichbare Aufgaben ergeben sich auch bei anderen besonders komplexen technischen Systemen wie der Gentechnik, Landminen, Giftmüll-Deponien und Weltraumschrott, aber auch bei der Notwendigkeit Informationen über besondere Ereignisse über lange Zeit zu bewahren, wie beim Gedenken an den Holocaust.[5] Als vergleichbar gilt auch die interstellare Kommunikation. Aus letzterem wird eine Verwandtschaft zwischen der Atomsemiotik und Kommunikationsversuchen wie der Pioneer-Plakette, der Arecibo-Botschaft und der Voyager Golden Record abgeleitet.[6]

Staatliche Institutionen überdauern selten mehr als einige hundert Jahre. Religionen können über längere Zeiträume bestehen, aber auch sie „sind kaum älter als ein paar tausend Jahre und haben nicht naturwissenschaftliche Informationen, sondern Mythen überliefert.“[7]

In Deutschland haben sich Wissenschaftler, Atomkraftbefürworter und Atomkraftgegner im Rahmen von Analysen des Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd) festgelegt, dass Atommüll für einen Zeitraum von einer Million Jahren sicher von der Biosphäre abgeschlossen werden muss - das wären rund 30.000 (Menschen-)Generationen. Andererseits hat die schriftlich tradierte Geschichte der Menschheit bis jetzt gerade eine Dauer von 5.000 Jahren. Mögliche Warnungen in Keilschrift werden nur von Experten, solche in der Indus-Schrift von niemandem verstanden.

vorgeschlagenes Warnschild

Drei Dinge müssten der Nachwelt mitgeteilt werden:

  • dass es sich überhaupt um eine Mitteilung handelt,
  • dass an einer bestimmten Stelle gefährliche Stoffe lagern,
  • Informationen über die Art der gefährlichen Substanzen
Thomas Sebeok

Die Warnung muss auch glaubhaft sein, damit nicht die Adressaten zwar den Inhalt verstehen, ihn aber nicht als Warnung vor der Gefahr ansehen, sondern glauben, dass damit wertvolle Schätze vor unbefugtem Zutritt geschützt werden sollen.[1]

Lösungsvorschläge

Auf die Problematik wurde bereits 1972 hingewiesen,[8] Konkrete Vorschläge wurden ab 1981 gemacht. Dem Grundsatz nach greifen alle seitdem veröffentlichten Ansätze einen von zwei Aspekten auf oder kombinieren sie: Zeichen im weitesten Sinne, die über den projektierten Zeitraum bestehen sollen und die Vermittlung von deren Bedeutung.

Der ursprüngliche Vorschlag der Human Interference Task Force bestand aus einer großflächigen Anlage an der Erdoberfläche oberhalb des Endlagers. Das Zentrum sollt durch ein Monument markiert werden, das aus einem dreieckigen Platz von 300 m Kantenlänge besteht, umgeben von Erdwällen. In der Mitte des Platzes eine Bodenplatte in Form des Logos für Biogefährdung, darauf drei Obelisken und drei Dokumenten-Tresore. Die Obeliske sind mit Warnungen in verschiedenen Sprachen von UN-Staaten beschriftet, in den Tresoren werden Informationen über den Atommüll und seine Gefahren hinterlegt. In einem Umkreis von 1000 Metern um das zentrale Monument sollen Stelen mit Warnungen in verschiedenen Sprachen errichtet werden.[5] In der späteren Debatte kam der Vorschlag auf, dass spätere Kulturen den Kreis der Stelen nach außen erweitern sollten und die neuen Warnungen in den jeweils aktuellen Sprachen gehalten werden sollten.[9]

Die folgende Diskussion brachte Vorschläge hervor, die kurios wirken,[4] so etwa der Vorschlag von Strahlenkatzen, die mittels gezielter genetischer Manipulation durch ihre Fellfärbung die Anwesenheit von Radioaktivität anzeigen sollen.[10] Der Linguist Thomas Sebeok schlug ein „künstlich geschaffenes Ritual“ für die Öffentlichkeit vor, das „nicht an bestimmte geografische Gegenden oder an irgendeine Sprache oder Kultur gebunden“ sein solle. In diesem Ritual sollte in Form einer Legende vermittelt werden, dass bestimmte Orte mit einer tödlichen Gefahr verbunden sind. Die tatsächlichen Hintergründe der Gefahr würden nur einer Elite bekannt sein, die aus technisch Gebildeten zusammengesetzt wäre und durch Kooptation ihre Nachfolger selbst bestimmt. Sebeok wählte für diese Elite den Begriff einer „Atompriesterschaft“ (atomic priesthood).[6]

Die Mehrzahl der Befragten schlug diverse Verfahren vor, wie Atommülllager durch monumentale Bauten oder andere technische Mittel angezeigt werden sollten, oftmals verbunden mit Verfahren, durch die Warnungen periodisch oder bei Bedarf an Wandel bezüglich Sprachen und der Kodierung der verwendeten Zeichen angepasst werden sollten.[9]

Eine Reihe der befragten Wissenschaftler ergänzen inhaltliche Überlegungen mit Bedenken, bezüglich der Voraussetzungen oder der Fragestellung als ganzer. So spricht Stanislaw Lem die beiden grundsätzlichen Möglichkeiten an, Zeichen über lange Zeiträume zu erhalten: Unveränderliche Objekte, etwa aus Edelmetallen oder biologische Kodierungen in genetischem Material. Er erhebt aber Bedenken über die Wirksamkeit und spricht das Fehlen von jeglichen internationalen, vorsätzlich an die Gegenwart adressierten Nachrichten aus der Vergangenheit an und drückt seine Skepsis über den Erhalt der Bedeutung von Zeichen aus, auch in kontextfreier Kodierung.[11]

Es wurde aber auch fundamentale Kritik erhoben: Die Lösungsvorschläge wären autoritär und von Ängsten bestimmt; sie würden von einer Spaltung zwischen Eliten und einer uninformierten Allgemeinheit ausgehen.[12] Oder der Gedanke an Atomsemiotik und den Schutz von Atommüll vor menschlichem Zugriff wäre zweitrangig, solange keine technischen Mittel bestünden, Atommüll überhaupt gegen Naturgefahren dauerhaft zu sichern.[13]

In der aktualisierten Buchausgabe fügte Posner 1990 ein thematisch erweitertes Konzept hinzu: Er schlug einen demokratisch gewählten Zukunftsrat vor, der als Verfassungsorgan langfristige Entscheidungen kontrollieren sollte. Ein solcher Zukunftsrat solle in jedem Staat und bei den Vereinten Nationen gebildet werden.[14] Er sieht diesen Vorschlag als Antwort auf das durch die Atomtechnik notwendige „bis dahin unbekannte Maß an Zukunftsplanung“, das nur „mit dem Kampf um die Beherrschung des Feuers“ vergleichbar sei.[15]

2004 wurde für die Planungen des Atommüllendlager Waste Isolation Pilot Plant im US-Bundesstaat New Mexico das ursprüngliche Design überarbeitet und an den neuen Standort angepasst.[16] Der Entwurf sieht 32 Monolithe vor, die ein Quadrat bilden, in dessen Innerem 3 Kilometer lange Erdwälle 16 weitere Monolithe einschließen. Auf diesen steht in Englisch, Spanisch, Russisch, Französisch, Chinesisch, Arabisch und Navajo: „Hier liegt gefährlicher radioaktiver Abfall. Auf keinen Fall graben oder bohren.“ Im Zentrum sind detailliertere Informationen zusammen mit Comic-artigen Illustrationen vorgesehen, einmal über der Erde, einmal in einer unterirdischen Kammer. Das Warnsystem soll erst installiert werden, wenn das Endlager voll und eine einhundertjährige Abklingzeit unter Kontrolle des US-Energieministeriums vergangen ist, nach der das Lager versiegelt werden soll. Dies ist für etwa 2133 vorgesehen. Daher ist völlig unklar, ob diese Planung umgesetzt werden.

Ein neuer Vorschlag wurde 2012 veröffentlicht: Ein Schweizer Geologe und Sozialwissenschaftler schlug zur Markierung von Atommüll-Endlagern vor, zehn- bis hunderttausende Tonscherben mit Warnsymbolen in der Umgebung auszustreuen und oberflächlich zu vergraben. „Das Material darf nicht wertvoll sein, da es sonst gestohlen wird.“[17] Außerdem müssten die Bewohner der Region in die Überlieferung einbezogen werden. Als Symbole schlug er jedoch die bekannten Totenköpfe oder Strahlenzeichen vor, ohne auf die bisherigen Überlegungen zur Atomsemiotik einzugehen.[17] Im selben Jahr beauftragte die schwedische Atombehörde Archäologen der Linné-Universität in Kalmar, ein System langfristiger Überlieferungen zu entwerfen.[18]

Rezeption

Die Atomsemiotik wird zumeist als kuriose oder untaugliche Bearbeitung eines ernsthaften und ungelösten Problems verstanden.[19] Sie wird mit „gängigen Science-Fiction-Ideen der Achtzigerjahre“ in Verbindung gebracht.[20] Sebeok selbst nannte mit rund dreißig Jahren Abstand die Benennung seiner Experten als Atompriesterschaft einen Fehler, da sowohl die beteiligten Wissenschaftler wie die Fachöffentlichkeit den Begriff als absurd ansahen und weder seine Vorschläge noch das Problem ernst nahmen.[19]

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Christian Trautsch: Atomsemiotik - semiotische Probleme von Atommüll und Zeichen als Warnungen an die ferne Zukunft, Vortrag auf dem Wiener Nuklearsymposium, September 2011
  2. Thomas A. Sebeok: Die Büchse der Pandora und ihre Sicherung – Ein Relaissystem in der Obhut einer Atompriesterschaft. In: Roland Posner (Hrsg.): Warnungen an die ferne Zukunft – Atommüll als Kommunikationsproblem, Raben Verlag, 1990, Seiten 141–168
  3. Arbeitsstelle für Semiotik: Zeitschrift für Semiotik, Jahrgang 6, 1984, Heft 3 – Inhaltsverzeichnis
  4. 4,0 4,1 Claas Gieselmann: Von Atompriestern und Strahlenkatzen – Die kuriose Welt der Atomsemiotik, Welt der Wunder Magazin, November 2010
  5. 5,0 5,1 5,2 Stefan Berndes: Wissen für die Zukunft – ethische Normen der Auswahl und Weitergabe naturwissenschaftlichen und technischen Wissens, Technikphilosophie Bd 7., Lit Verlag, 2001, zugleich Dissertation an der Brandenburgische Technische Universität, Cottbus, 2001, ISBN 3-8258-5400-0, Seiten 103–131
  6. 6,0 6,1 Thomas A. Sebeok: Die Büchse der Pandora und ihre Sicherung: Ein Relaissystem in der Obhut einer Atompriesterschaft (Abstract), Zeitschrift für Semiotik, 1984, 3
  7. Roland Posner: Atommüll als Kommunikationsproblem. In: Roland Posner (Hrsg.): Warnungen an die ferne Zukunft – Atommüll als Kommunikationsproblem, Raben Verlag, 1990, Seiten 7–15
  8. Alvin M. Weinberg: Social Institutions and Nuclear Energy. In: Science, Vol. 177, Issue 1 (7. Juli 1972), Seiten 27–34 [32–34]
  9. 9,0 9,1 Vilmos Voigt, Philipp Sonntag und Percy H. Tannenbaum. Alle in: Arbeitsstelle für Semiotik: Zeitschrift für Semiotik, Jahrgang 6, 1984, Heft 3 – Inhaltsverzeichnis und Abstracts
  10. Françoise Bastide und Paolo Fabbri: Lebende Detektoren und komplementäre Zeichen: Katzen, Augen und Sirenen (Abstract), Zeitschrift für Semiotik, 1984, 3
  11. Stanislaw Lem: Mathematische Kodierung auf lebendem Trägermaterial, Zeitschrift für Semiotik, 1984, 3
  12. Marshall Blonsky: Wes Geistes Kind ist die Atomsemiotik?, Zeitschrift für Semiotik, 1984, 3
  13. Susanne Hauser: Problematisch sind nicht nur die Antworten, sondern bereits die Voraussetzungen, Zeitschrift für Semiotik, 1984, 3
  14. Roland Posner (Hrsg.): Warnungen an die ferne Zukunft – Atommüll als Kommunikationsproblem, 1990
  15. Thomas H. Wendel: Ewiges Feuer, Spiegel spezial 7 (1995), Seiten 60–63
  16. Soweit nicht anders angegeben, beruht der Abschnitt zu den Planungen von 2004 auf: Reto U. Schneider: Warnschild für die Ewigkeit, in: NZZ Folio 7/2009
  17. 17,0 17,1 NZZ: Wie warnt man künftige Generationen vor Atommüll?, 8. Februar 2012
  18. Angelika Franz: Wie verstecken wir unseren Müll vor den Nachfahren?, Spiegel-Online, 11. Juli 2012
  19. 19,0 19,1 Lau, Schulz, 2012
  20. Jogschies, 1994